Hidden Venice Walking Tour

Hidden Venice Walking Tour

Es ist warm. Sehr warm. Und ich muss mich stark zusammenreißen, um nicht die fünfzehn Mückenstiche zu kratzen, die mich fast in den Wahnsinn treiben – den Großteil davon habe ich mir in den Weinbergen vor Verona zugezogen, aber auch in Venedig war ich davor nicht gefeit. Schon in einer Viertelstunden geht die Hidden Venice Walking Tour los und ich bin mir wirklich nicht sicher, ob ich daran teilnehmen werde, denn das Wetter ist abartig heiß.

Hidden Venice Walking Tour
Ich lehne mich zurück und drehe den Kopf zu einem der bodentiefen Fenster: Es steht weit offen und ich kann auf den Platz davor sehen, der fast ausgestorben daliegt. Nur auf dem Brunnen in seiner Mitte thront die Katze, die bis vor wenigen Minuten noch in meinem Bett geschnurrt hat. Sie schaut mich an, fast als ob sie sagen wollte: Tu es. Raff dich auf. Es wird sich lohnen. Also hieve ich meine Beine aus dem Bett, sprühe mich mit Mückenmittel ein und mache mich auf den Weg.

Hidden Venice Walking Tour

Durch abgelegene Gänge

Mein AirBnB liegt keine zwei Minuten von der Rialtobrücke entfernt und um zu dem vereinbarten Treffpunkt für die Walking Tour zu kommen, muss ich besagte Brücke überqueren. Es ist früher Abend, die Sonne hat inzwischen an Kraft verloren, heiß ist es trotzdem noch. Ich dränge mich durch die Menschenmengen, rieche Schweiß und spüre die Wärme der Körper um mich herum. Nachdem ich die Rialtobrücke hinter mir gelassen habe, tauche ich in weniger frequentierte Gänge ab und habe die Massen abgehängt – bis, ja bis ich den Campo Santi Apostoli erreiche. Hier ist zwar nicht ganz so viel los, wie auf der Rialtobrücke, aber genug, dass ich mich wieder zurück in die leeren Gassen wünsche.

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Geschichten über das wahre Venedig

Darauf warten muss ich zum Glück nicht lange, denn unser Guide Anna-Maria schält sich schon wenige Minuten später aus der Menge. Sie sammelt die Teilnehmer ein und stellt gleich am Anfang klar, was wir von dieser Tour erwarten können: Einen Blick hinter die Fassade des Touristenmagneten Venedig, eine Tour zu den Bewohnern und unbekannten Orten. Ich werfe einen Blick in die Runde: Das scheint genau das zu sein, weshalb die anderen hier sind. Genau wie ich.
Wir machen uns also auf den Weg, zurück in die leisen Gassen, in denen man nur unsere Schritte und die Stimme unseres Guides hört.

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Auf Pfählen gebaut

Nach einer Weile machen wir in einer Straße halt, die recht unspektakulär daherkommt – überspannt von einem grünen Band aus Pflanzen mit einem Kanal an ihrem Ende. Anna-Maria dreht sich zu unserer Gruppe um und fragt in die Runde, wer von uns weiß, wie Venedig erbaut wurde. Die meisten zucken mit den Schultern, einer jedoch meldet sich und wirft das Wort Pfähle in den Raum. Anna-Maria nickt und erklärt uns, dass Venedig nicht auf festem Boden steht, sondern die gesamte Stadt auf abertausenden Pfählen erbaut wurde, die wiederum in den sandig-matschigen Boden gestoßen wurden. Allein für den Bau der Rialtobrücke brauchte man circa 12.000 dieser Pfähle, die sich unter Wasser konservierten und somit auch heute noch das Fundament der Stadt bilden. Venedig trägt also nicht umsonst den Namen Schwimmende Stadt.

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Ein Spaziergang mit Aussicht

Weiter geht es hinab zum äußeren Ende der Lagune. Von hier aus haben wir eine tolle Sicht auf die Friedhofsinsel von Venedig: San Michele. Mit sicherem Abstand sieht die Insel der Toten gar nicht so gruselig aus, wie ihr Name das suggerieren mag. Das Besondere an San Michele ist die Tatsache, dass die Toten hier nicht in normalen Gräbern beigesetzt werden, sondern in gemauerten hohen Blöcken, den sogenannten Columbarien. Alt ist der Friedhof trotzdem noch nicht, stammt er doch aus dem 19. Jahrhundert. Zuvor wurden die Toten Venedigs in den kircheneigenen Friedhöfen bestattet – wegen des Wasserstandes konnten die Gräber aber nicht besonders tief ausgehoben werden, was einen furchtbaren Gestank nach sich zog. Erst Napoleon setzte dem ein Ende und bestimmte die Insel San Cristoforo zur Friedhofsinsel. Diese war bald zu klein und so wurde schließlich San Michele die letzte Ruhestätte der venezianischen Toten.

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Das Ghetto Venedigs

Zum Schluss nähern wir uns dem ehemaligen jüdischen Ghetto Venedigs. In Cannaregio gelegen, lebten hier die Juden bis zum Ende der Republik in beengten Verhältnissen. Wie im restlichen Europa mussten sie auch hier hohe Steuersätze zahlen, dennoch wurde ihnen in Venedig auch Schutz vor der Inquisition und anderweitigen Übergriffen geboten. Damit standen Venedigs Juden bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts unter einer für diesen Zeitraum einzigartigen Rechtssicherheit.

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Wir werden von Anna-Maria mit mehreren Essenstipps aus der Führung entlassen und bummeln entlang der Ponte de Gheto Novo zu einem Restaurant direkt am Kanal. Hier lassen wir die Führung Revue passieren und ich muss zugeben: Es hat sich gelohnt, aufzustehen. Denn auch eine durch und durch touristische Stadt wie Venedig hat eben doch ihre versteckten Ecken und Geschichten, die man nur kennenlernt, wenn man zuhört.

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2 Kommentare auf "Hidden Venice Walking Tour"

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Clemens | Travellersarchive.de