Das alte Vegas

Das alte Vegas: Von Mobstern und Showgirls

Ich stelle den Motor ab und schaue mich um: Das schrille und bunte Vegas liegt hinter mir, ich befinde mich auf der anderen Seite des McCarran Airports, in dem Teil der Stadt, in dem sich Fuchs und Hase noch gute Nacht sagen. Dass es das in Vegas gibt, war mir bis jetzt auch nicht klar. Aber man lernt nie aus.

Las Vegas Mob Museum

Das Haus von Ellen, meiner Gastgeberin, ist das letzte der Reihe, dahinter liegt nichts mehr. In der Einfahrt picken Hühner, hinter einem Gatter beobachtet mich eine Ziege. Wie viele amerikanische Häuser ist auch Ellens eher in die Breite gebaut und hat keinen zweiten Stock. Der Sandstein passt perfekt in das Wüstenflair, genau wie die Kakteen, die sie in ihrem Garten angepflanzt hat.

Vegas‘ Vergangenheit aus persönlicher Perspektive

Ich habe genug Zeit, mich umzusehen, bevor Ellen wiederkommt. Sie begrüßt mich mit einem warmen Lächeln und sieht nicht ansatzweise so alt aus, wie sie wirklich ist. Nämlich schon über siebzig. Noch bevor ich meinen Koffer im Gästezimmer abstellen kann, fragt sie mich, woher ich meine Hose habe und dann kommen wir von einem zum anderen Thema, bis ich mit einem Glas Wein auf ihrer Couch sitze und Fotos aus ihrer Zeit als Vegas Showgirl durchblättere.

Mob Museum Vegas Showgirls

Denn Ellen ist nicht nur Immobilienmaklerin, die ihr Heim Reisenden auf Zeit öffnet, sie ist auch auf einzigartige Weise mit der Geschichte der Stadt verwachsen. Ursprünglich aus dem Osten der USA kommend, ist sie als junge Frau ins pulsierende Vegas gezogen – gegen den Willen ihrer konservativen Eltern. Das Wort Mayflower fällt und wir müssen lachen. Sie wollte Tänzerin werden und jobbte nebenbei als Showgirl. In ihrem Wohnzimmer entstehen Bilder von aufwendigen Inszenierungen mit lebenden Tieren, penibel einstudierten Choreografien und Kostümen, die nicht viel der Einbildung überlassen haben. Dass sie ihren Eltern diesen Job lange verschwiegen hat, kann ich verstehen.

Das organisierte Verbrechen: Der Vegas Mob

Als Tänzerin hat Ellen nicht nur die glamourösen Seiten des alten Vegas kennengelernt, wie sie erzählt, sondern ist auch in Berührung mit den Schattenseiten gekommen. Denn die Stadt und die Shows lagen damals größtenteils in den Händen des Mob, des organisierten Verbrechens. Warum auch immer habe ich die amerikanische Mafia bisher nur mit Chicago in Verbindung gebracht oder mit Namen wie Al Capone und Alcatraz. An die berühmte Gefängnisinsel vor San Francisco kann ich mich noch gut erinnern. Und auch daran, dass ich mich damals schon gefragt habe, wie weit das Netzwerk des organisierten Verbrechens ging. Vegas hatte ich dabei komischerweise nie auf dem Schirm, obwohl die Stadt der Sünde dafür auf die ein oder andere Art schon prädestiniert ist.

Ellen berührt diesen Punkt ihrer Vergangenheit nur kurz und ich frage nicht weiter nach. Es gibt Dinge, die man lieber aus einem Museum erfährt und genau dieses Museum besuche ich am nächsten Tag.

Das Vegas Mob Museum

Das Mob Museum ist nicht weit vom Strip entfernt und wie viele amerikanische Museen, die ich besucht habe, ist die Ausstellung richtig gut aufgezogen. Kein Infodump in Schriftgröße zehn neben räudigen Exponaten, sondern ein roter Faden, der sich durch mehrere Stockwerke zieht.

Mob Museum Vegas

Angefangen mit der Gründung von Vegas und der Ausbreitung der Mafia über Amerika bis hin zu herausstechenden Persönlichkeiten wie Frank Costello oder Albert Anastasia. Auch die Mob-Morde werden beleuchtet, die rivalisierenden Organisationen, sogar ein Crime-Lab gibt es, in dem man Fingerabdrücke nehmen kann.

Während ich mich von der obersten Etage bis nach unten durch die Geschichte der Stadt und der Mafia arbeite, muss ich immer wieder an Ellens Erzählungen denken. Bis ich auf einmal vor einem der Kostüme stehe, die sie mir in ihrem Fotoalbum gezeigt hat. Dass ich einmal eine so persönliche Verbindung zur Geschichte von Las Vegas bekommen würde, damit hätte ich nicht gerechnet.

The Underground at Mob Museum

Zum Schluss stoße ich im an das Mob Museum angegliederten Speakeasy mit meinen Mitreisenden auf die Prohibition an. Dann fahre ich zurück zu Ellen, die mich schon am Eingang erwartet. Fast wie meine Großmutter, nur in der amerikanischen Version mit wilder Vergangenheit.

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AnnaMoni Recent comment authors
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Das klingt nach einer tollen Erfahrung! Wie bist du auf deine Gastgeberin gekommen, war das purer Zufall?