Pompeji, die Stadt der Toten

Was ich unter dem wachsamen Auge des Vesuvs lernte

Es ist kalt. Ziemlich kalt. Immerhin haben wir schon Mitte April und ich befinde mich in Süditalien. Da sollten Schal und gepolsterte Regenjacke nicht unbedingt mehr zum Tagesprogramm gehören. Aber irgendwie passt es, denn heute besuche ich Pompeji, die alte Römerstadt, die es im Jahre 79 n. Chr. ziemlich erwischt hat – um es nett auszudrücken.
Schon am Tag zuvor bin ich in der modernen Stadt Pompei angekommen, die unerschrocken rund um das alte Pompeji herum floriert, und habe keine zehn Minuten von der archäologischen Stätte entfernt mein Hotel bezogen. Es ist ein kleiner Familienbetrieb, im Garten schleichen Katzen herum und eine Horde von Zitronenbäumen verhindert, dass man anständig einparken kann. Soweit, so normal. Wenn da nicht in meinem Unterbewusstsein diese kleine Stimme gewesen wäre, die die ganze Zeit ruft: „Du schläfst unter einem Vulkan! Pass bloß auf, die Dinger können tückisch sein!“

Der Vesuv ist zwar schon seit 1944 nicht mehr ausgebrochen, befindet sich also zur Zeit in einer ruhenden Phase, aber erloschen ist der Feuerberg nicht. Vielmehr scheint er nur zu schlafen, wie ein Drache auf seinem Schatz, der irgendwann durch die Füße eines Hobbits geweckt wird. Das kann man unter anderem daran erkennen, wie man mir auf meiner Vulkanbesteigung einige Tage später erzählen wird, dass immer noch Schwefeldämpfe aufsteigen, die sogar mit bloßem Auge zu entdecken sind.

Aufgewacht ist der Vesuv auch im Jahre 79 n. Chr. und hat bei seinem damaligen Ausbruch zusammen mit Pompeji auch die Ortschaften Herculaneum, Stabiae und Oplontis zerstört. Genau genommen war es damals aber noch gar nicht der Vesuv, der die römischen Städte ins Unglück riss, sondern der Somma, der bei seinem Ausbruch 79 n. Chr. einen Teil von sich selbst weg sprengte und in dessen Gipfel Caldera schließlich in der nachfolgenden Zeit der heutige Vesuv entstand.
Aber wie auch immer man ihn nennen will: Das antike Pompeji wurde von dem Vulkan zerstört, unter dessen Auge ich nun die nächsten drei Tage schlafen werde. Beruhigend ist anders.
Als ich mich dem Eingang der archäologischen Stätte nähere, ist es früh am Morgen. Die ersten italienischen Schulklassen sind gerade angekommen und drängen unter viel Gequassel in die Stadt vor. Ich entscheide mich, in die entgegengesetzte Richtung zu laufen und bin schon bald vollkommen allein mit den zum Teil noch geschwärzten Steinen. Wenn ich die Augen schließen und hinhören würde, könnte ich bestimmt die Stimmen der Geister hören, die durch die verwaisten Straßen ziehen.

Ein kalter Schauer krabbelt über meinen Rücken und ich ziehe weiter. Das ehemalige Amphitheater taucht in meinem Blickfeld auf und ich halte zielstrebig darauf zu. Über einen unterirdischen Gang geht es direkt in die Arena, in der einmal Gladiatoren gekämpft haben. Auch hier bin ich vollkommen allein und höre nur den Wind, der durch die Ritzen und Winkel zieht. Am Himmel ziehen sich dunkle Wolken zusammen, unter denen der Vesuv noch viel bedrohlicher aussieht.
Zehn Minuten später verlasse ich das Amphitheater und setze meinen Weg fort. Ich möchte zum Forum, dem politischen Zentrum einer römischen Stadt. Der Weg dorthin führt über ausgestorbene Steinstraßen, vorbei an Häuserruinen. Ich komme mir vor wie in einem Kriegsgebiet, dessen Tristesse nur gelegentlich durch Mosaike durchbrochen wird, die in Häusereingängen den Boden und die Wände schmücken. Die einzigen Lebewesen, die mir für eine lange Weile begegnen, sind streunende Hunde, vor denen Touristen am Empfang gewarnt werden. Sie könnten beißen. Die Hunde würdigen mich jedoch keines Blickes, sondern trotten einfach vorbei, ebenso schwermütig wie die ganze zerstörte Stadt.

Endlich höre ich die Stimmen von anderen Menschen. Ich hatte schon befürchtet, mich in dem Gewirr von Straßen und schmalen Stiegen verirrt zu haben, zumal ein Großteil der Stadt abgesperrt und für Touristen unzugänglich ist. Die Gelder für die fachgerechte Restauration fehlen, wie auch Anja von Travel on Toast in ihrem Artikel sehr treffend erwähnt hat. Ich biege um zwei Ecken und dann öffnet sich vor mir das Forum von Pompeji. Mindestens zehn Touristengruppen stehen an verschiedenen Enden und plappern munter durcheinander, während ihre Guides etwas über die Geschichte der Stadt erzählen. Auf der einen Seite bin ich froh, nicht mehr allein zu sein, auf der anderen Seite geht schlagartig dieses Gefühl verloren, das mich vom ersten Schritt in die antike Stadt an begleitet hat.

Ich verweile nur kurz, kehre dann den Touristen den Rücken zu und setze mich auf die Stufen des Apollon Tempels. Oder auf das, was von ihm übrig geblieben ist. Von hier aus ist der Vesuv gut zu sehen, Mahnung und Erinnerung zugleich. Einer der Hunde kommt auf mich zugelaufen und ich überlege kurz, ob ich aufstehen soll, bleibe aber sitzen. Er setzt sich fünf Meter vor mir auf den antiken Marmorboden, wedelt mit dem Schwanz und legt sich dann zum schlafen hin. Normalität, wo keine sein sollte.
Wir verweilen gemeinsam, während die Regenwolken die ersten Tropfen auf das Gestein fallen lassen. Und ich weiß jetzt, dass Pompeji nicht nur die Stadt der Toten ist, sondern auch die der Lebenden.

Seid ihr schon einmal in Pompeji gewesen? Was waren eure Eindrücke? Schreibt es mir in den Kommentaren! 🙂

  1. War leider noch nicht in Pompeji, diese Ecke Italiens kenne ich leider gar nicht. Nach Neapel möchte ich aber unbedingt Mal und das Chaos selbst erleben 🙂 Und da liegt Pompeji zum Glück nicht weit…

    • Ja, das Chaos in Neapel ist legendär. Hätte aber gerne drauf verzichtet… 😉 Wenn du die Chance hast, besuche Pompeji aber in jedem Fall. Ist ne tolle Stadt.

  2. Das ist echt ein sehr schöner Bericht – irgendwie sehr poetisch und nachdenklich. Solche Berichte lese ich immer gern. Ich war leider noch nicht in Pompeji, freue mich aber bald einige antike Stätten auf Kreta anzuschauen. Italien ist für nächstes Jahr geplant, vielleicht fahren wir dann auch nach Pompeji.

    LG Myriam

    • Vielen Dank! Pompeji ist immer eine Reise wert, wenn du es weniger überlaufen magst, ist aber auch Herculaneum ein guter Tipp. Ist Pompeji in grün, nur kleiner.

  3. Wow, schöner Text. Pompeji hat mich bei meinem Besuch sehr beeindruckt, wobei ich die Größe der Stadt unterschätzt habe. Ich habe einen ganzen Tag dort verbracht im Versuch zu zeitreisen 😀 Zusammen mit den Mosaiken im Archäologischen Museum von Neapel ein toller Eindruck aus der römmischen Zeit.

    • Ja, die Größe habe ich auch unterschätzt, aber interessant war es trotzdem. Und hast du es geschafft zu zeitreisen? 🙂

  4. Ich war im Sommer in Japan am Mt. Aso und das ist ja auch ein ruhender Vulkan. Nur durfte man zum Teil schon zu gewissen Gebieten nicht mehr hin, da der in letzter Zeit Aktivität gezeigt hat. Das war irgendwie ein klein wenig beunruhigend. 😉
    Kurz nachdem ich daheim war, hat der dann sogar geraucht!
    Also Vulkane können wirklich tückisch sein. 😉

  5. ich habe dummerweise in pompeji kaum fotografiert. ich war so erstaunt von der geschichte, wirklich dort zu sein und gebannt von unserer reiseleiterin, dass ich mich gar nicht so recht auf motivjagd begeben konnte. es war definitiv eine wirklich spannende erfahrung.

    • Ich war ohne Reiseleiterin dort und konnte deshalb etwas freier umherstreifen. Gebannt hat mich die Stadt aber trotzdem.

  6. Krass, dass dort Menschen gelebt haben. Und gleichzeitig ein bisschen komisch, dass vieles ersetzt, gesichert werden musste.

    #Kommentiertag

    • Ja, das stimmt. Wobei es natürlich auch schon sehr sehr lange her ist. Aber trotzdem. Es war ein seltsames Gefühl, durch diese zerstörte Stadt zu laufen.

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