Los Angeles

Dear Los Angeles

Eine Abrechnung

Vorweg sei gesagt: Dieser offene Brief an die Stadt der Engel spiegelt meine ganz persönlichen Erfahrungen wider. Ich möchte niemandem davon abraten, nach Los Angeles zu fahren und seine eigenen Erfahrungen mit der Stadt zu machen. Ich habe natürlich nicht nur schlechtes in den drei Tagen erlebt, in denen ich da war. Aber insgesamt war mein Eindruck von Los Angeles eben leider nicht gerade positiv. Nun denn.

Liebes Los Angeles,

wir müssen reden. Echt jetzt. Ich weiß, du bist eine der größten und berühmtesten Städte der Welt. Und ich weiß auch, dass ich dich unbedingt besuchen wollte. Vielleicht hätte ich besser auf den Rat meines AirBnB Hosts in Flagstaff hören sollen und dich großflächig umfahren. Habe ich aber nicht. Deshalb bin ich in gewisser Weise selbst Schuld, aber was solls. Ich muss das jetzt los werden. Denn es kommt ein aber, ein ziemlich großes sogar: Du bist anstrengend. Sowas von.

Und damit meine ich nicht gut anstrengend, nein. Du hast mir das Leben ausgesaugt wie ein Energievampir. Du bist die Alptraumstadt für Autofahrer. Und für Nutzer des Öffentlichen Nahverkehrs sowieso. Bevor man in dir irgendwohin kommt, steht (ja, steht!) man erst mal mindestens eine Stunde auf irgendeinem Highway herum und verbraucht Benzin. Oder einer Interstate. Oder einer Seitenstraße. Such dir was aus. Man würde meinen, das ist nicht so schlimm, weil Kraftstoff in den USA sowieso nicht so viel kostet. Oder?

Weit gefehlt, in dir ist selbst die Gallone Benzin sau teuer. Und wenn der Wagen dann doch mal rollt, muss man sich vor lebensmüden Mitautofahrern in Acht nehmen. Ich habe noch nie so viele krasse Überhol- und Einschermanöver gesehen wie auf deinen Straßen. Von Unfällen und Stop-and-go ganz zu schweigen. Die Anzahl von beinahe Crashs habe ich irgendwann aufgehört zu zählen. Angst um den Mietwagen hatte ich trotzdem. Jedes mal, wenn ich mich in ihn hineingesetzt habe, um dich besser kennenzulernen. Und als ich dich endlich verlassen habe, dachte ich nur: Gott sei Dank, nachdem du das unbeschadet überstanden hast, passiert dem Auto garantiert nichts mehr. Du bist die ultimative Challenge. Nicht nur aus Autofahrer Perspektive.

In keiner anderen Stadt, noch nicht einmal in New York (!), habe ich so viele Obdachlose vor sich hin vegetieren sehen wie in dir. Die Schere zwischen Arm und Reich ist so groß, dass ich mich in dir nie wirklich wohl gefühlt habe. Noch nicht einmal in den sicheren Stadtteilen. Selbst in Las Vegas habe ich mich besser aufgehoben gefühlt. In der Stadt der Spieler und unbeherrschten Affekte. Das soll schon was heißen. Oder nicht? Und das obwohl du die Glitzer und Glamour Metropole schlechthin bist. Wo bleibt der ganze Reichtum? Bei den auf der Straße zeltenden Menschen jedenfalls nicht.

Natürlich hast du auch deine schönen Seiten: Das Griffith Observatory zum Beispiel. Oder den Strand. Aber, wie gesagt, bevor man dort hin kommt, dauert es erst mal. Ewig und drei Tage. Und ist man angekommen, ist man so genervt von deinem Mief, deiner Kompliziertheit und Aggression, dass man das Schöne nicht mehr genießen kann.

Du bist mir extrem unsympathisch. Sorry, aber ist so. Ein entspanntes Miteinander war zwischen uns beiden nicht möglich. Deshalb sage ich dir jetzt und auf alle Zeiten: Tschüss und auf nimmer Wiedersehen! Gesetzt den Fall, dass ich jemals aus diesem Stau rauskommen sollte.

Deine,
Anna

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Jensholly wendlandKathiLos Angeles in a day - Die GradwanderungMichael Recent comment authors
Christina

Ohje, da würde ich auch die Nerven verlieren :-(

Anna

Hi Anna!
Wow, Stich ins Herz, ich bin getroffen!
Ich ärgere mich gerade, dass ich dir nicht noch mehr Insiderwissen habe zukommen lassen. Du hast LA wirklich von der schlechten Seite kennengelernt.
Ich wünschte, ich wäre mit dir in der Stadt der Engel gewesen, damit du ein besseres Bild bekommst und ich endlich wieder dort bin. Nachdem ich dieses Jahr leider doch nicht zurückkehren kann, trifft mich dein schlechtes Erlebnis noch viel mehr.
Dennoch finde ich deinen Beitrag klasse geschrieben und die Aufmachung eine witzige Idee. Es unsere Aufgabe als Blogger auch schlechte Eindrücke zu vertexten, damit andere sich eine Meinung bilden können.
Liebe Grüße
Anna

Miriam

Liebe Anna,
ich kann Dich irgendwie verstehen! Ich war zwar ohne Mietwagen unterwegs, empfand L.A. aber auch unglaublich anstrengend und schmutzig. Der Hollywoodboulevard war sehenswert, der Ausblick vom Observatorium schön, allerdings sieht man dann erstmal unter was für einer dicken Smogschicht L.A. begraben ist. Schöne Gebäude aus der Jahrhundertwende so wie in San Francisco sucht man vergeblich. Ich habe L.A. auch als einen Moloch empfunden. Als einziges Highlight habe ich damals den Strand bei Venice Beach und Santa Monica empfunden.
Ich kann Dich also gut verstehen :)

Grüße aus Hamburg
Miriam von North Star Chronicles

Gina

Hi Anna, ich war zwar noch nicht in LA, aber ich kann deinen Frust gut nachvollziehen.
Es ist eben nicht immer alles super, beeindruckend, wunderschön etc., auch wenn es sich um ein sogenanntes must-see handelt. Und das sollten wir Reiseblogger auch so benennen. Es sind schließlich unsere ganz subjektiven Erfahrungen, von denen wir berichten.
Mir ging es ähnlich bei der berühmten Salar-de-Uyuni-Tour in Bolivien. Ich hab mir drei Tage den A***** abgefroren und konnte daher die tolle Landschaft nur bedingt genießen.
Liebe Grüße Gina

Sabi

Ach schade, dass dir die Stadt nicht gefallen hat. Ich bin komplett ohne Erwartungen hingefahren, weil ich schon wusste dass vielen die Stadt nicht gefällt, war aber dann sehr begeistert. Die Innenstadt ist vielleicht ein bisschen langweilig, aber gerade draussen beim Strand hat es mir super gefallen. Dafür kam ich mit San Francisco beim ersten Treffen nicht klar.
Liebe Grüße Sabi
http://www.smilesfromabroad.at

Christine

Ich liebe Amerika!
Aber was LA angeht… ich unterschreibe hier zu 100%. Meine Stadt war das nicht… echt nicht.

Michael

Hrhhrrrr, ich kann dich sowas von verstehen. Aus diesem Grund habe ich damals Quartier in Santa Monica aufgeschlagen – und das hat mir extrem gut gefallen. Abends am Strand zu sitzen und die Sonne zu genießen war einfach nur toll! Gibt also auch schöne Seiten. Aber zugegeben – der Verkehr war in LA echt mörderisch und auch der Hollywood Boulevard enttäuscht in meinen Augen.

Lg Michael

trackback

[…] du in meinem Artikel „Dear Los Angeles“ schon gelesen hast, hat mich die Stadt der Engel nicht besonders überzeugt, allerdings will ich […]

Kathi

Ich hab auch von LA weniger schöne Sachen gehört. Eine Freundin von mir hat nur über Schmutz, Lautstärke und unendlich viele Obdachlose erzählt. Sie fand es ganz schrecklich da… wäre vermutlich auch nichts für mich, so wie ihr beide das beschreibt.
Auf der anderen Seite… ich sehe da ein paar Parallelen zu Kapstadt – und diese Stadt liebe ich über alles…
Liebe Grüße,
Kathi

holly wendland
holly wendland

das ist nicht mein LA über das du schreibst.ich war seit 1995 etliche male dort-und liebe die stadt.es gibt kaum eine autofahrerfreundlichere stadt-überall parkinglots, vintagecharme.und es ist einfach wundervoll nachts den sunset blvd oder den mullholland drive zu fahren, mit jazzmusik im auto(natürlich ein großer ami mit V8) um später an irgendeinem diner um mitternacht noch ein steak zu essen.niemals kam ich in die nähe eines unfalls und los angeles hat so viel zu bieten:amoeba records -der beste plattenladen der welt, nighclubs im 30ties style,museen, pasadena, farmersmarket, den nostlagisch-schmuddligen look von downtown und holywood, kenneth anger, griffith by night-ich könnte… Read more »

Jens

Hey Anna,

um nicht wie die enntäuschte Anna zu enden, würde ich mich gern auf deinem Blog von den positiven Dingen überzeugen lassen. Wo finde ich den denn?

Zu diesem Artikel hier bleibt zu sagen, dass ich immer dankbar bin für harsche Kritik an gefeierten Reisezielen. So relativiert sich die Erwartung an die Stadt etwas und man geht mit realistischeren Zielen an die Sache heran.

Danke Anna und Anna