Las Vegas Sign

Vegas, Baby!

24 Stunden in der Stadt der Sünde

„In a few minutes we will arrive at McCarran International Airport. Welcome to Las Vegas, Ladies and Gentlemen.“

Der Kapitän beendet die Durchsage und ich spüre, wie der Druck auf meinen Ohren zunimmt. Jetzt ist es also soweit, die Stadt der Sünde ist nur noch eine Flugzeuglandung entfernt. Ich ziehe mir die Schlafmaske vom Gesicht, stopfe sie in die Ablage und schaue dann aus dem Fenster. Unter mir breitet sich ein Lichtermeer aus, dahinter nur schwarze Nacht.
Der Flug von New York war anstrengend, meine Erkältung bringt mich fast um. Aber nichts ist so beeindruckend wie der erste Blick aus dem Flugzeugfenster auf eine Stadt, die man noch nicht kennt. Müdigkeit und Kopfschmerzen sind vergessen, stattdessen bin ich aufgeregt. Was wird mich in Las Vegas erwarten? Wie werde ich die Stadt finden?

Zwanzig Minuten und zwei Warteschleifen später setzt das Flugzeug endlich auf der Landebahn auf. Wir rollen zum Gate, docken an und dann setze ich meinen Fuß das erste Mal ins Spielerparadies schlechthin.
Ich dachte, ich wüsste, was mich in Las Vegas erwartet: Party, Alkoholleichen, Casinos – also ein unguter Mix aus Vergnügungssucht und Business. Und in gewisser Weise stimmt das auch. Nur die akribische Perfektion der Inszenierung, mit der habe ich nicht gerechnet.
Gleich am Flughafen werde ich von Spielautomaten empfangen, die die Wartezeit auf das Gepäck verkürzen sollen. Und auch die Fahrt über den nächtlichen Strip hin zu meiner AirBnB Unterkunft ist ein kleiner Kulturschock: Blinkende Neonreklamen, Horden von Feierwütigen, Musik auf den Gehsteigen.
Las Vegas ist künstlich. Aber auch irgendwie faszinierend.

Erst am nächsten Tag komme ich dazu, die Stadt wirklich kennenzulernen. Und mit wirklich meine ich keinen Party Exzess, sondern den Blick auf die Menschen, die die Stadt besuchen und die, die die Stadt zu dem machen, was sie ist. Vom Las Vegas Sign aus laufe ich den Strip einmal hoch und runter, vorbei an der Miniaturausgabe der Freiheitsstatue, am Luxor Hotel, dem Bellagio und dem Caesars Palace. Alles davon ist unecht, alles davon ist modelliert, um den größt möglichen Profit herauszuschlagen. Größer, höher, weiter scheint das Motto zu sein, nach dem in Vegas gebaut wird.
Ich kann gar nicht sagen, ob mich das abstößt oder auf eine verdrehte Weise fesselt. Wahrscheinlich beides. Irgendwie. Schon hier merke ich, dass Las Vegas für mich keine Stadt mit Charme ist. Aber eine, die Macht besitzt – über die Menschen, die hierher kommen, um zu feiern und die, die das Karussell am Laufen halten.

Sobald die Sonne untergeht, wird es Zeit, in die Spielerhöllen, die Casinos, abzutauchen. Ich war noch nie besonders begabt im Glücksspiel – ein Grund, warum es mich nicht reizt. Aber anschauen wollte ich mir ein Casino schon. Ich meine, immerhin ist es Vegas, oder nicht?
Und das war eine gute Entscheidung, denn in den Casinos hat sich das Bild, das ich draußen von der Stadt gewonnen habe, manifestiert. Hier treffen zwei Welten aufeinander: Die Touristen, die einmal an der Fassade der berühmten Stadt der Sünde knabbern wollen, die für ein Wochenende in den Moloch abtauchen, nur um dann zurückzukehren und Vegas mit einem verklärten Blick als die geilste Zeit ihres Lebens zu beschreiben. Und auf der anderen Seite diejenigen, die hier leben und arbeiten. Denn hinter dem Faktor Spaß, der die Casinos bestimmen soll, liegt so viel mehr. Wer einmal in die Gesichter der Menschen geguckt hat, die hinter den Spieltischen stehen, der weiß, was ich meine. Ich will nicht pauschal urteilen und sagen, dass diese Zeilen für alle diese Menschen gelten. Aber für einige sicher.

Fand ich Vegas deshalb furchtbar? Würde ich sagen, dass man es auf keinen Fall besuchen sollte? Nein. Natürlich nicht. Aber speziell ist es schon. So speziell, dass es auf jeden Fall einen Besuch wert ist. Ich habe aus Vegas keinen Kater mitgenommen, dafür aber den Eindruck von einer Stadt, die, mitten aus der Wüste gestampft, so surreal daher kommt, wie das Bild, das sie von sich selber verkaufen will. Die von ihrem Image und der Mundpropaganda lebt, in der Äußerlichkeiten eine große Rolle spielen.

Wer Vegas für ein Spaßwochenende besuchen will: Hin da. Wer von dort aus einen Roadtrip starten möchte, wie ich es getan habe: Ebenfalls empfehlenswert. Wer aber Substanz sucht, für den ist Vegas nicht unbedingt die richtige Stadt. Natürlich gibt es auch hier eine interessante Geschichte (das Atomic Testing Museum beispielsweise), aber allgegenwärtig ist eben doch etwas anderes. Las Vegas ist kein New York und will das auch gar nicht sein. Deshalb gilt wie eigentlich überall: Was ihr aus eurem Besuch in der berühmtesten Stadt der Sünde macht, liegt ganz bei euch. Oder um mit George Bernard Shaws Worten zu sprechen: „Die goldene Regel ist, dass es keine goldenen Regeln gibt.“

Zurückgelegte Strecke 2773 Km (NYC – Las Vegas)
Unterkunft AirBnB, sauber, günstig und nicht weit vom Strip entfernt
Musik Animals – Maroon 5

  1. Hach ja, Las Vegas… Irgendwie geht es ziemlich vielen Menschen so wie dir (und uns). Die Stadt ist schon sehr gewöhnungsbedürftig, aber hat bei uns zumindest auch für einen nachdenklichen Blogartikel gereicht. 😉 Viele Grüße, Saskia

    • Ja, die Stadt hat mich etwas ratlos zurückgelassen. Gut zu wissen, dass es anderen ähnlich ging. 🙂

      Herzlich,
      Anna

  2. Wir schließen uns an: wir sind Las Vegas auch mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu begegnet. Wir sind froh, einmal dort gewesen zu sein, aber es wird nicht unsere Lieblingsstadt.
    Wir würden Las Vegas auch eher für den Beginn als das Ende eines Roadtrips durch die Weststaaten empfehlen. Wenn man durch die Wildnis und Natur der vielen tollen Nationalparks gereist ist, kann einen Las Vegas am Ende ganz schön verstören. Ich lass euch auch mal den Link zu unserem Beitrag über Las Vegas da: http://willkommenfernweh.de/las-vegas/
    Liebe Grüße
    Kerstin von Willkommen Fernweh

    • Stimmt, so ging es mir vor allem mit Los Angeles: Davor war ich Tage durch Gebiete gefahren, die ziemlich menschenleer waren, und dann erschlägt einen mit einem Mal so eine Metropole. Las Vegas fand ich erstaunlicherweise gar nicht mal so anstrengend wie Los Angeles. Aber speziell war Vegas trotzdem.

      Herzlich,
      Anna

  3. Ein toller Bericht und eine schöne Betrachtung der Stadt! Ich liebe Las Vegas für seine Verrücktheit. Ich denke, es hängt immer mit den Erwartungen zusammen, ob man dort enttäuscht wird oder nicht. Ich würde immer wieder hinfahren (und war bereits 6 x dort seit 2002) und finde die ständige Veränderung sehr spannend. Nightlife und Glücksspiel sind jetzt nicht so meins.

    Das Airbnb sieht super aus. Ich habe schon mehrere Themenhotels probiert und stehe bei längeren Aufenthalten (ab 3 Nächten) auch eher auf Appartments.

    Als Startpunkt für eine Südwest-Rundreise finde ich Las vegas ideal und natürlich ist es zum Shoppen einfach sensationell. Wenn´s okay ist, lasse ich Dir meinen Shopping-Link da: http://safetravels.de/las-vegas-die-besten-tipps-fuers-outlet-shopping/

    • Hallo Silke,

      ja, Vegas ist schon eine interessante Stadt und ich würde definitiv noch einmal hinfahren, auch wenn ich nicht der Party Typ bin. Das AirBnB war wirklich super, sehr schön und sauber. Man konnte dort die Küche mit nutzen und die Familie war so gut wie nie daheim; deshalb hat es sich auch eher wie ein Appartement angefühlt. Deinen Beitrag schaue ich mir gerne an. 🙂

      Herzlich,
      Anna

  4. Vegas. Hmm. Also. Es ist kompliziert! Nicht, dass ich etwas gegen Sünde einzuwenden hätte. Aber mit der Spielkasinorealität vor Ort bin ich nicht wirklich warm geworden. Du triffst es mit „Wer aber Substanz sucht“ ziemlich genau. Danke jedenfalls für diesen ehrlichen Bericht!

    • Bitte. Ich fand Vegas als Ausgangspunkt für meinen Roadtrip sehr praktisch, aber die Stadt selber… nicht so meins.

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