Route 66

Route 66 – The Great Outdoors

Unterwegs auf der Mutter aller Straßen

Die Hitze steht auf der Straße und lässt den Asphalt am Horizont flimmern. Dabei haben wir gerade mal März. Wie das hier im Hochsommer aussieht, will ich gar nicht wissen. Keine Menschenseele ist zu sehen, Yucca Palmen und grauer Wüstensand umgeben mich soweit ich sehen kann.
Ich stehe irgendwo im Nirgendwo, mitten auf der historischen Route 66, der Mutter aller Straßen, und versuche mir vorzustellen, wie sich diese Straße ihren Namen gemacht hat. Im Vorfeld habe ich viel über sie gelesen, aber jetzt tatsächlich hier zu sein, fühlt sich unwirklich an.

Was sagt die Geschichte?

Seit 1926 galt die Route 66 als eine der ersten durchgehend befestigten Verbindungen von Ost nach West, von Chicago nach Los Angeles, und hat über die Zeit hinweg viel gesehen. Erste größer angelegte Bedeutung erlangte sie während der verheerenden Dürre des Mittleren Westens, die in den 1930er Jahren dazu führte, dass viele Farmer und Landarbeiter dem Motto Go West! folgten und in die fruchtbareren Gebiete Kaliforniens übersiedelten. Entlang der Mother Road eröffnete die erste Tankstelle, das erste Drive-In-Restaurant und auch das Konzept von Motels verbreitete sich hier rasch. Erst mit ihrem Niedergang durch das steigende Verkehrsaufkommen und dem Bau von größeren Ausweichstraßen, die eben jenes Aufkommen auffangen konnten, erlangte die Route 66 jedoch den romantisch verklärten Ruf, den sie auch heute noch genießt.

Einer dieser größeren Straßen, der Interstate 40, folge ich von Flagstaff aus nach Williams, dem Beginn meiner Reise in die Vergangenheit. Von hier aus lässt sich nämlich der von vielen Reisenden als schönstes Teilstück der historischen Route 66 beschriebene Streckenabschnitt befahren. Williams selber ist eine typisch amerikanische Kleinstadt, die nicht nur von der ehemaligen Mutter aller Straßen profitiert, sondern auch vom Grand Canyon, der sich von hier aus bequem per Zug ansteuern lässt. Von hier aus verlasse ich also die gut ausgebaute und volle Interstate 40 und wage mich nach einer vorherigen Tankfüllung und einer Aufstockung der Wasservorräte, Wüste und so – man weiß ja nie, auf das Teilstück der Route 66, das von Williams über Kingman nach Oatman führt. Ziel ist die Stadt der Engel und damit das Ende der Mother Road am Santa Monica Pier.

Cool Springs – Tankstelle im Nichts

Aus Williams hinaus zu fahren fühlt sich an wie die letzte Stadt vor dem großen Nichts zu verlassen und ein bisschen stimmt das auch. Denn bis Cool Springs, einer restaurierten Tankstelle, die aber nicht mehr in Betrieb ist, sind es noch gute 145 Meilen, die es zurückzulegen gilt. Und das hauptsächlich durch karge Landschaft, die nur ab und zu von einer Gebirgskette durchbrochen wird. Während der knapp zweieinhalbstündigen Fahrt werden die Straße und ich eins.

Schnurgerade zieht sie sich die ersten Meilen durch die Landschaft, es würde gar nicht weiter auffallen, wenn ich einschliefe und von ihr abkäme. Der Geist meines Roadtrips sitzt Strohhalm kauend auf der Rückbank und wippt zum hundertsten Country Song, denn nichts anderes ist dem Radio zu entlocken. Ich bin tatsächlich hier. Mitten in Arizona. Auf der Route 66.
Diesen Moment der Erkenntnis habe ich bei jeder Reise, manchmal früher, manchmal später. Und er ist jedes Mal einzigartig. Das Reisen fühlt sich für mich immer so lange surreal an, bis ich diesen Moment hatte. Man fährt durch Nationalparks, schaut sich Städte an, aber wirklich realisieren tue ich das erst, wenn mich die Erkenntnis hinterrücks in den unmöglichsten Situationen überfällt. Zum Beispiel beim Autofahren mitten im Nichts.

Kurz vor Cool Springs wird die Route 66 kurviger und schließlich taucht die alte Tankstelle urplötzlich am Straßenrand auf. Ich bin noch so im Delirium, dass ich an ihr vorbeifahre und erst dreihundert Meter später eine Möglichkeit zum Wenden finde. So richtig Nutzer freundlich ist die alte Straße nämlich nicht. Dann parke ich meinen Mietwagen in der Haltebucht, steige aus und werde von der Hitze fast erschlagen. Sofort bin ich hellwach und schaue mich um. Eine steinerne Hütte duckt sich in den Schatten eines Berges, vor ihr parken zwei Motorräder und unter der Überdachung sitzt eine Familie. Alles in allem also recht idyllisch.

Heimatgefühle. Oder so

Während ich das Straßenschild fotografiere, lausche ich ihrem Gespräch. Es sind Deutsche. Als sich von hinten ein Auto nähert, beschließe ich mir drinnen eine kühle Cola zu kaufen. Mit einem freundlichen „Hallo“ gehe ich an der Familie vorbei, bisher habe ich nämlich erstaunlicherweise nur wenige Deutsche getroffen, ernte aber nur eisiges Schweigen. Gut, denke ich, genug Heimaterfahrung für heute, in Zukunft halte ich mich an die Amerikaner. Und während ich draußen in aller Ruhe meine Cola trinke, werde ich argwöhnisch von der Familie beäugt.

In der Stadt der Esel

Ich bin dann irgendwann gefahren, natürlich ohne mich zu verabschieden und um mir das restliche Teilstück der Route 66 nicht von deutscher Miesepetrigkeit madig machen zu lassen. Und das war auch gut so, denn bis Oatman gleicht die Mutter aller Straßen einer haarnadelkurvigen Bergauffahrt. Selbstredend nicht durch Leitplanken gesichert, die die unglaubliche Aussicht behindert hätten. Wo kämen wir da auch hin, schließlich sind wir im Wilden Westen.

Die alte Goldgräberstadt Oatman besticht schließlich nicht nur durch ihren Western Charme und Horden an Touristen, sondern mindestens genauso sehr durch die wilden Esel. Sie sind Nachkommen der Lastesel aus der Goldgräber Zeit, die von ihren Besitzern frei gelassen wurden, nachdem man sie nicht mehr benötigte und hängen in Oatman an jeder Ecke herum. Man bekommt fast das Gefühl, dass sie sich in Gruppen organisiert haben, um das Maximum an Futter abzugreifen.
Von der Stadt der Esel aus geht es dann wieder zurück auf die moderne Interstate 40 und Richtung Los Angeles. Ich verabschiede mich von der Route 66, den einmaligen Eindrücken, die mir der Tag beschert hat, und sage Los Angeles Hallo. Ob ich dort wirklich Engel finden werde, bezweifle ich zwar, aber ausgeschlossen ist nichts.

Zurückgelegte Strecke Flagstaff – LA (über Route66): 730 Km
Insgesamt unterwegs ~12 Stunden, davon 7 1/2 Autostunden
Nächste Übernachtungsmöglichkeit Los Angeles via AirBnB

Seid ihr auch schon über die Mutter der Straßen gefahren? Und wenn ja: Was habt ihr erlebt? Lasst es mich in den Kommentaren wissen.

  1. So cool, was für ein herrliches Freiheitsgefühl es sein muss diese legendäre Straße entlang zu fahren! Danke für die tollen Tips!

    • Ja, die Route 66 zu befahren, auch wenn es nur ein Teilstück war, war wirklich eine besondere Erfahrung. 🙂

      Herzlich,
      Anna

  2. Sehr schön 🙂 Die Autowracks und Esel kommen mir sogar bekannt vor – die Route 66 gehört wohl einfach zum Westenküstentrip dazu!

    LG Manuela

  3. Sehr ausführlich geschrieben! Ich selber war noch nie da und finde deinen Bericht sehr klasse.
    Liebe Grüße,
    Mai Dau

  4. Ein kleines Stück bin ich schon mal gefahren (von LA ein Stück Richtung Arizona). Ist aber ne ganze Weile her. Irgendwann nehm ich sie komplett in Angriff. Ein Traum 😉

    • Genau, ich bin ja auch nur ein Teilstück gefahren. Ganz kann man zumindest die historische Route gar nicht mehr befahren, glaube ich, weil sie teilweise überbaut wurde. Sehr schade, aber na ja.

  5. Pingback: Los Angeles in a day - Die Gradwanderung

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