Venedig Venice

Reisebericht Venedig: Wo bist du, wahres Venedig?

Wie ich mit einer Katze im Bett die ruhige Seite der Lagunenstadt entdeckte

Italien. Schon wieder. Ja, ich muss zugeben, dass es mich hier herzieht und ich über den Daumen gepeilt von allen meinen besuchten Ländern am häufigsten dort war. Vielleicht liegt es an der Geschichte oder am guten Essen. Ich habe mich an der Uni sogar dazu hinreißen lassen, Italienisch zu lernen. Zwei Jahre lang. Von Rom über Neapel bis hin zu Pisa und Bari war über die Zeit hinweg alles dabei. Nur in eine Stadt habe ich es nie so richtig geschafft: Nach Venedig.
Deshalb wollte ich mich seit gefühlten Ewigkeiten mit eigenen Augen davon überzeugen, ob die Lagunenstadt tatsächlich so abartig vollgestopft mit Touristen ist – oder ob das nur Gerede war. Taktisch klug habe ich mich dabei für den Sommer als Reisezeit entschieden. Scherz beiseite, das hatte natürlich andere Gründe, im Endeffekt lief es allerdings, um ehrlich zu sein, genau darauf hinaus. Aber vielleicht sollte ich besser von vorne anfangen.

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Das Wassertaxi als das entspannteste Verkehrsmittel

Am Flughafen ahnte ich noch nicht, was mich erwarten würde. Oder besser gesagt: Ich ahnte es schon, aber nicht in der Intensität, in der es mich dann erschlagen sollte. Das Wassertaxi war jedenfalls ein erstaunlich entspannter Einstieg: Über eine Stunde schipperte ich mit nur einer handvoll anderer Leute auf die Lagune zu. Bis zur Einfahrt in den Canal Grande war auch noch alles in bester Ordnung – dann allerdings bekam ich einen ersten Eindruck davon, was es heißt, im August nach Venedig zu fahren. Die schmalen Gehsteige waren so dermaßen überfüllt, dass zwischen zwei Menschen teilweise keine Hand mehr gepasst hätte. Das nahm natürlich nicht ab, denn mein Ziel war die Rialtobrücke, das Herz von Venedig.

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Dort angekommen brauchte ich für den zehnminütigen Weg zu meiner Unterkunft doppelt so lange und das lag nicht daran, dass ich mich verlaufen hätte. Ich will nicht jammern, ich wusste ja, was auf mich zukommt. Also theoretisch. Irgendwie. In der Praxis wäre ich am liebsten schon nach den ersten drei Metern zurück ins Wassertaxi geflüchtet.
Ich kämpfte mich also durch, über die Rialtobrücke bis hin zu einem der vielen schmalen Gänge, die in Venedig urplötzlich auftauchen und einen in sich aufsaugen, lehnte mich an eine Wand und musste erst mal durchatmen. Dann betrat ich den Gang und schwups – es passierte genau das, was ich von Venedig niemals erwartet hätte, was ich aber während meines Aufenthaltes immer wieder erlebte.

Ruhe

Was das war? Ruhe. Ganz einfach. Keine zwei Schritte hatte ich in den Gang hineingetan und schon war das laute und anstrengende, das von Touristen überfüllte Venedig so spurlos verschwunden, als ob es gar nicht existierte. Nur um sicher zu sein, dass ich nicht gerade durch eine Zeitschleife gelaufen war, ging ich noch mal zurück. Die überfüllte Rialtobrücke und die Kellner, die auch Marktschreier hätten sein können, waren immer noch da. Das beruhigte mich und ich traute mich weiter hinein in den Gang. Der öffnete sich nach zehn Metern zu einem Platz. Auch hier war von den Touristenmassen nichts zu sehen, im Gegenteil: Auf einem Brunnen in der Mitte des Platzes lag eine Katze, die sich genüsslich und völlig ungestört in der Sonne aalte. Außer zwei Italienern, die eilig in die andere Richtung liefen, und einer Frau war ich völlig allein.

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Hausnummern und andere Unmöglichkeiten

Wer schon einmal in Venedig war, der weiß, dass die Vergabe von Hausnummern und Straßennamen einen nicht unbedingt dazu befähigt irgendetwas zu finden. Denn die Häuser sind nicht wie bei uns pro Straße aufsteigend nummeriert – das wäre zu einfach. Stattdessen könnte in Venedig theoretisch ein Haus mit der Nummer 1127 an eins der Nummer 1589 grenzen. Das liegt daran, dass die Stadt in die Sestiere aufgeteilt ist, also in Sechstel. In jedem Sestier wurden die Hausnummern beginnend bei eins neu vergeben, und zwar in der Reihenfolge, in der die Häuser gebaut worden waren.

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Um ein bestimmtes Haus zu finden braucht man also immer noch irgendeine Zusatzangabe, einen Orientierungspunkt. Alles nicht so einfach, wie ihr seht. Ich hatte aber Glück, denn nachdem ich eine Weile über den Platz geirrt war, sprach mich die Frau an und stellte sich als meine Gastgeberin vor. Von da an ging es bergauf und ich hatte die erste und wichtigste Regel für jede Venedig-Reise gelernt: Beweg dich abseits der großen Straßen.

Zwischen Terrazzo und Eiche Rustikal

Es ging eine Treppe hinauf ins erste Stockwerk. Die Einrichtung des Hauses schwankte zwischen exzentrisch, aber cool und Katzenkörbchen. Dafür hatte ich aber nach der Anreise keinen wirklichen Blick mehr, ich wollte nur eins: Aufs Bett. Und da ging es dann auch hin, immerhin war es inzwischen kurz nach sechs und ich nicht mehr willens, mich noch einmal in das Chaos rund um die Rialtobrücke zu stürzen. Außerdem schüttete es draußen gerade in Strömen, Blitz und Donner inklusive.

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Mit einem Buch verzog ich mich also ins Zimmer, die Tür nur angelehnt, die Fensterläden offen. Irgendwann schlich die Katze meiner Gastgeberin hinein, stupste das Buch aus meiner Hand und forderte Streicheleinheiten. Da lag ich also. In Venedig. Mit einer fremden Katze auf dem Bauch. Und ich fragte mich, ob das nicht viel mehr die Lagunenstadt war, als die importierten fake Karnevalsmasken aus China oder die hundert Euro teure Gondelfahrt mit einem Gondoliere, der durchgehend telefoniert.

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Ps: Ja, mit den Fotos wollte ich einen Kontrapunkt setzen und nein, die lassen sich in der Hochsaison nicht nach sieben Uhr morgens machen. Zum Schluss also der absolute Insidertip, auf den ihr niemals selbst gekommen wärt: Früh aufstehen. Sehr früh. 😉

  1. Venedig im August klingt tatsächlich nach einem gewagten Vorhaben 😉 Aber du bist dem Chaos wundervoll entkommen! Schön geschrieben und tolle Fotos – sie machen definitiv Lust Venedig (wieder) zu besuchen 😉

    • Ja, das habe ich dann auch gemerkt. 😀 Aber es hat sich trotzalledem gelohnt. Das nächste Mal werde ich aber wohl im Winter wiederkommen, auch wenn dann das Wasser überall steht.

  2. hahaha venedig im august? oh nein! das hab ich auch schon gemacht 😉 ich mochte venedig nie besonders, weil meine ersten 4 besuche der stadt immer untertags vom festland aus und immer ziemlich in der hauptsaison stattfanden. 2015 verbrachte ich dann 2 nächte in der lagunenstadt und das ende september. san marco – rialto waren voll wie eh und je. aber die erfahrung mit den seitengassen, die hab ich auch gemacht. und dann doch ein bisschen freundschaft geschlossen mit dem morbiden charme dieses ortes, den ich endlich einmal in ruhe hatte einatmen können.

    • Ich dachte auch zum Anfang, dass ich diese Stadt nie würde mögen können, weil sie einfach so unfassbar voll ist. Aber nachdem ich dann die richtigen Zeiten entdeckt hatte, ging es. 🙂

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