Neapel

Neapel: Der Eingang zum Schattenreich liegt unter einem Bett

Eine Vespa knattert an uns vorbei, dicht gefolgt von einem Taxi mit wild gestikulierendem Fahrer. Soweit kein ungewöhnliches Bild für Neapel, aber der Grund, weshalb wir mit unserer Gruppe zwischen zwei italienischen Wohnhäusern stehen, ist es: Wir warten darauf, dass uns Einlass zur Unterwelt der Stadt gewährt wird.
Ich trete nervös von einem Fuß auf den anderen und beobachte einen kleinen Laster, der sich zwischen den Häuserwänden und dem vor den Läden deponierten Touristen-Nippes hindurchzwängt. Der rechte Spiegel ist bereits abgefahren. Bei dem Gedanken daran, dass wir uns in ein paar Tagen selber mit einem Mietwagen durch solche Gassen schieben werden, ist mir nicht komplett wohl. Doch dann winkt uns unser Guide hinein und ich wende mich von dem Trubel ab. Endlich! Es geht los.

Mit den anderen stehe ich unschlüssig vor einem Tunnel, der steil in die Tiefe führt. Unser Guide ist schon vorgegangen und verschwindet gerade um eine Ecke außer Sichtweite, während wir noch überlegen. Es geht wirklich ziemlich weit runter. Deshalb ziehe ich meine Jacke aus dem Rucksack, bevor ich den anderen folge. Ein paar Minuten später und etliche Meter tiefer unter der Erde, stehen wir in einer großen Höhle. Sie entstand, wie der Rest des Höhlen- und Gängesystems, zur Zeit der alten Griechen. Aus dem gewonnenen Tuffstein haben sie damals die Stadtmauern und Tempel gebaut. Im Zweiten Weltkrieg schließlich wurde die neapolitanische Unterwelt als Schutz vor Bombenangriffen genutzt. „Einige Blindgänger hängen über euch an der Decke“, sagt unsere Tourführerin nonchalant und grinst. Die Köpfe rucken nach oben. Einige Unerschrockene zücken ihre Kameras, der Rest weicht zurück – ganz offensichtlich mit dem Risiko beschäftigt, das solche Blindgänger darstellen. Bevor irgendwer auf die Idee kommt sich vom Acker zu machen, legt sie aber noch ein: „Natürlich keine echten“ nach.

Wir gehen weiter, tiefer hinein, bis wir vor einem schmalen Spalt anhalten. Ich komme mir vor wie bei Hänsel und Gretel und frage mich, ob es nicht besser gewesen wäre, Brotkrumen mitzunehmen. Statt welche zu streuen, bekommen wir Kerzen in die Hand gedrückt und schieben uns keine Minute später im Ägyptergang, Kerze voran, durch den fünfzig Zentimeter breiten Spalt. Was wir dann sehen, ist wunderschön: Der Gang öffnet sich und gibt den Blick frei auf eine alte Zisterne, deren Wasser glasklar ist und neben einer indirekten Beleuchtung auch von unseren Kerzen beschienen wird. Wir halten einen Moment inne und genießen den Ausblick.

Dann bläst mir ein Wind fast die Kerze aus. Vorbei ist es mit der Romantik – die Vorstellung ohne Lichtquelle hinter den anderen zurückzufallen, lässt mich unruhig werden. Und so ist es gut, dass wir uns im Gänsemarsch auf den Rückweg machen.
Oben angekommen ist die Tour aber noch nicht vorbei. Zusammen mit unserem Guide treten wir auf die Straße und wieder stehen wir vor einem italienischen Wohnhaus – dieses Mal deutet allerdings nichts darauf hin, dass sich hinter seinen Mauern das angekündigte antike griechische Theater befinden könnte. Ich werfe meinem Reisepartner einen irritierten Blick zu, er zuckt mit den Schultern. Wir warten. Es dauert ein bisschen, aber schließlich werden wir auch hier hineingebeten.

Mit den anderen gehe ich durch einen Flur in einen Raum, der aussieht, wie ein Schlafzimmer nun mal so aussieht und lasse das hektische, wilde, laute Neapel noch einmal hinter mir. Wir versammeln uns im Kreis vor dem Holzbett und schauen uns um. Wie kommen wir von hier aus zu dem Theater?
Die Erklärung lässt nicht lange auf sich warten, denn nach einer schnellen Einführung schiebt unsere Tourführerin das Bett kurzerhand in die Wand und öffnet eine Luke im Boden: Vor uns führt nun eine Treppe hinab in Neapels Schattenreich. Wir lassen uns nicht lange bitten und klettern in die Tiefe.

Name: Napoli Sotteranea
Bezahlt: 10 Euro p.P. (Erwachsene), Ermäßigung für Kinder
Tourdauer: ungefähr eine Stunde

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