Introvertiertheit auf Reisen

Introvertiert auf Reisen: Was ich noch sagen wollte

Ich habe ungefähr zwanzig Minuten darüber nachgedacht, wie ich diesen Artikel anfange. So ein wirklicher Knaller-Einstieg ist mir allerdings immer noch nicht eingefallen, deshalb halte ich es jetzt wie mit den meisten Seminararbeiten an der Uni: Wenn es nicht besser wird, bleibts stehen.
Um das gleich vorweg zu nehmen: Das hier wird kein Seelenstriptease. Aber das Thema Introversion ist mir wichtig. Wieso? Weil ich selber introvertiert bin und man besonders auf Reisen damit gerne mal aneckt. Schließlich gilt gerade das Reisen als die Möglichkeit neue Menschen kennenzulernen. Aber was, wenn man das gar nicht unbedingt will?

Was Introversion bedeutet

Per Definition sind Introversion und Extraversion zwei Pole einer Persönlichkeitseigenschaft, die durch die Interaktion mit der Umwelt charakterisiert wird. Introversion bezeichnet eine nach innen gewandte, Extraversion eine nach außen gewandte Haltung (Quelle). Introversion und Extraversion sind dabei aber so vielfältig, wie die Menschen selbst. Niemand ist nur introvertiert oder nur extrovertiert. Wie bei so vielen Dingen kommt es ganz auf die Mischung an. Es gibt aber sehr wohl Tendenzen und ich persönlich tendiere zur Introversion.
Introversion und Extraversion basieren dabei auf dem Konzept der unterschiedlich benötigten Stimulation durch äußere Reize. Introvertierte reagieren stärker auf diese Reize, sind dementsprechend auch schneller überreizt. Der Unterschied zwischen Introvertierten und Extrovertierten liegt nun aber nicht nur in der Art und Weise, wie diese Menschen Eindrücke auf- und wahrnehmen, sondern auch darin, wie man Energie gewinnt: Extrovertierte beziehen ihre Energie häufig durch die Interaktion mit anderen, also von außen. Introvertierte hingegen aus dem Inneren. Konkret heißt das, dass eine introvertierte Person die Stimulation von außen so weit es eben geht herunterfährt, um ihre Akkus wieder aufzuladen. Das passiert zum Beispiel, indem diese Person sich zurückzieht und allein sein will, liest oder anderen Beschäftigungen nachgeht, bei denen sie nicht von anderen Menschen umgeben ist (Quelle). So viel zur Theorie.

Introversion auf Reisen

Das Reisen ist nun bis zu einem gewissen Grad natürlich so beschaffen, dass man zwingend mit anderen Menschen zu tun hat. Das ist auch nichts schlechtes und wenn ich von mir ausgehe, dann kann ich euch beruhigen und sagen, dass ich definitiv kein unsozialer Grottenolm bin, der faucht, sobald er andere Menschen sieht. Ich bin gerne unterwegs, ich entdecke gerne neues. Aber (ja, es kommt ein aber): Ich brauche nach einem Tag in der lauten Welt eine gewisse Zeit, um mich auf mich selbst zu besinnen, um abzuschalten, die Akkus wieder aufzuladen. Das gilt im Alltag, aber genauso sehr oder noch viel mehr auf Reisen. Ich möchte niemanden vor den Kopf stoßen, wenn ich abends im Hotelzimmer verschwinde, anstatt mit um die Häuser zu ziehen. Das ist für mich nicht die Krönung eines schönen Tages. Es entspannt mich nicht, in einem Club einen Cocktail zu trinken und Smalltalk zu führen. Ganz im Gegenteil: Dafür brauche ich (noch mehr) Energie, die ich aber am Ende eines Tages nicht mehr habe und die mir am nächsten Tag fehlt. Es strengt mich an. Deshalb ziehe ich mich zurück.

Sei doch nicht so schüchtern

Leider verstehen die meisten Leute diesen Rückzug entweder als persönlichen Angriff („Was? Wieso willst du denn nicht noch mit einen trinken kommen?“) oder als verkannte Schüchternheit („Komm doch mal aus dir raus!“). Ich kann gar nicht häufig genug betonen, dass introvertierte Menschen nicht per se schüchtern sind. Sie können es sein, Schüchternheit ist aber nicht zwingend mit Introversion verbunden. Ich war früher schüchtern, aber inzwischen bin ich es nicht mehr. Überhaupt nicht. Hat sich rausgewachsen. Wer mich gut kennt, der weiß, dass ich sogar eine sehr laute Person sein kann. Trotzdem brauche ich Zeit nur für mich. Besonders auf Reisen bestürmen mich so viele neue Eindrücke, die ich in Ruhe verarbeiten möchte, und dafür muss ich mich zurückziehen. Das beste Beispiel überhaupt ist mein New York Aufenthalt: Ich liebe die Stadt, sie ist wahnsinnig spannend und auch nach mehreren Besuchen kann man noch so viel entdecken. Aber New York ist auch unfassbar anstrengend, weil es sehr laut ist und viele Menschen unterwegs sind. Wenn viele Leute den Times Square super finden, ist er für mich Ausdruck von all dem, was mir Energie raubt: Eine Geräuschkulisse jenseits von Gut und Böse, Menschenmassen, grelle Werbetafeln. Ich habe mich eine Zeit lang gefragt, wieso ich mich dort nicht wohlgefühlt habe und schon nach wenigen Minuten dringend wieder weg wollte. Die Antwort ist ganz einfach: Weil mich die vielen Reize völlig überrannt haben.

Belastbarkeit und die Sache mit den Erwartungen

Bin ich deshalb weniger belastbar? Nein. Ich arbeite genauso gut wie alle anderen. Nur möchte ich die Zeit nach der Arbeit eben auf meine Weise verbringen. Beim Reisen heißt das für mich aber auch: Ich will nach einem Tag, an dem ich eine fremde Stadt erkundet habe, nicht noch die halbe Nacht durchfeiern oder zum Socializen gezwungen werden. Ich spüre aber, dass diese Erwartung häufig an mich herangetragen wird (Stichwort: Gruppenreisen). Dem immer wieder die eigenen Bedürfnisse entgegenzustellen hat mich lange Zeit und viel Überwindung gekostet. Denn natürlich habe ich darüber nachgedacht, warum Partys für mich, überspitzt formuliert, die Inkarnation der Vorhölle sind. Oder weshalb ich Hobbies bevorzuge, die ich allein ausüben kann. Das hat nichts damit zu tun, dass ich nicht gerne andere Menschen um mich habe oder generell nicht gerne in Gesellschaft bin. Ganz im Gegenteil: Wie Patrick von 101places habe ich festgestellt, dass bestimmte Menschen mich sogar wieder „aufladen“ können. Aber, und das möchte ich inzwischen nicht mehr verstecken: Wenn meine Energie aufgebraucht ist, dann brauche ich Ruhe.

Warum reist du dann überhaupt?

Des Pudels Kern oder die Anti-Frage ist dann die hier: Warum reist du überhaupt, wenn doch alles so anstrengend ist? Weshalb schließt du nicht die Tür deiner Wohnung hinter dir und lässt nur den Postboten rein?
Wer diese Frage stellt, der hat den Kern der Introversion nicht verstanden: Es geht nicht darum, immer allein zu sein. Es geht darum, in den richtigen Momenten allein zu sein, damit man später wieder interagieren kann. Denn auch wenn Interaktion mit anderen für mich meistens anstrengend und energiezehrend ist, heißt das noch lange nicht, dass ich das nicht gerne tue. Denn, um den Bogen zu schlagen, niemand ist nur introvertiert oder extrovertiert und der Mensch ist nun mal ein soziales Wesen. Deshalb plädiere ich für ein bisschen mehr gegenseitiges Verständnis. Für alle Introvertierten dieser Welt. Aber auch für alle Extrovertierten. Der Sinn des Reisens ist für mich nicht zwingend, neue Menschen zu treffen oder Freundschaften zu schließen. Ich reise um des Reisens willen. Trotzdem ist mir Gesellschaft wichtig – so widersinnig das auch klingen mag. Oder um mit  den Worten von Sophia Dembling (Confessions of an Introverted Traveler) zu sprechen: It’s good to know that I might be a loner, but I’m not alone.

  1. Gut zu sehen, dass es nicht nur mir so geht. Danke für diesen schönen Artikel!

    Melanie

  2. liebe anna, das ist ein wirklich toller artikel, in dem ich mir sehr stark wiederfinde. ich kannte bisher nur offenbar die explizite definition von introvertiert nicht, aber deinem artikel kann ich in praktisch allen punkten zustimmen. es geht mir wirklich genauso. spannend, endlich eine erklärung dafür gefunden zu haben. für mich ist auch schlaf extrem wichtig. ich kann dinge über längere zeit nur genießen, wenn ich genug geschlafen habe und diese tatsache muss ich ebenfalls berücksichtigen, egal, auch wenn mich das bei anderen oft zu einem komischen kauz macht.

    • Ich glaube, da muss man nach dem gehen, was für einen selbst das Beste ist. Schön zu sehen, dass es auch anderen so geht. 🙂

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