Im Herzen des roten Kontinents

Eine Reiseerinnerung

Die Hitze ist drückend, kein Wind macht sie erträglich. Ich stehe zusammen mit meiner Reisegruppe vor unserem Bus und hieve das Gepäck in seinen Bauch. Eigentlich haben wir gar nicht so viel dabei, aber bei vierzig Grad im Schatten ist jede Bewegung eine zu viel. Der Busfahrer lacht, als wir schweißüberströmt einsteigen und lässt den Motor an. Auf gehts – 9 Tage Roadtrip in das Herz des roten Kontinents!
Es ist sieben Uhr morgens und wir verlassen Adelaide auf der A1 Richtung Norden. In Port Augusta machen wir unsere erste Pause – Beine vertreten, in die Toilettenschlange stellen und weiter, denn wir haben noch einen langen Weg vor uns.

Im Bus ist es still, alle hängen ihren Gedanken nach, hören Musik oder schreiben Tagebuch. Ich schaue auf die vorbeiziehende Landschaft, den Dempsey Lake, der schnell kleiner wird, auf verdorrte Büsche und rote Erde. Genau so habe ich mir Australien vorgestellt und trotz alledem überrascht mich der Anblick. So viel Weite und Einsamkeit bin ich nicht gewohnt – und das war erst der Anfang, denn den Uluru, wie der Ayers Rock für die Aborigine heißt, haben wir noch lange nicht erreicht und somit ebenso wenig das Herz des roten Kontinents.
Der Bus macht einen Ruck und ich schrecke hoch. Wir stehen irgendwo in der Weite des Outbacks, mehrere Trucks neben uns und ein windschiefes Häuschen in einigen Metern Entfernung, in dessen Schatten sich zwei Zapfsäulen ducken. Unser Fahrer tankt, während wir der großzügig als „Shop“ ausgewiesenen Kate einen Besuch abstatten. Sie ist vollgestopft mit Süßigkeiten, Trockenfleisch und Fliegennetzen, die an Hüten hängen. Um meine Beine springt der Hund der Besitzerin.
Wir decken uns mit TimTams ein, eine Art Biskuit-Schokoladenkeks und nebenbei australische Spezialität, die verdammt leckeres Hüftgold ist. Irgendwer kauft eines der Fliegennetze, bevor wir durch die Hitze zurück zum Bus schlendern.

Weiter, immer weiter geht es durch das rote Land, wir sind nun fast seit zehn Stunden unterwegs. Als die Sonne zu sinken beginnt, nähern wir uns Coober Pedy, unserem Ziel für heute Nacht. Die Stadt liegt direkt neben dem Stuart Highway, den wir verlassen haben, und ist laut Anzeigetafel das „opal capital of the world“. Das will so viel heißen, wie: Coober Pedy lebt vom Bergbau, genauer gesagt von der Förderung von Opalen.
Warum wir gerade hier nächtigen? Zum einen hätten wir es nicht viel weiter geschafft – alle sind hundemüde – zum anderen gibt es nirgendwo sonst eine so außergewöhnliche Art, zu schlafen: die Dugouts. Das sind Gänge und Höhlen, die bei der Suche nach Opalen gegraben und dann wegen der extremen Wetterbedingungen kurzerhand zu Wohnungen umfunktioniert wurden. Sie sind nicht ausschließlich eine Touristenattraktion, sondern tatsächlich immer noch in Benutzung. Die Bewohner Coober Pedys wohnen also unterirdisch. Der Gedanke fasziniert mich.

Wir steigen mit steifen Beinen aus unserem Reisebus und sofort sind unsere Füße vom roten Staub bedeckt. Zusammen nähern wir uns dem Eingang unseres Dugouts und beäugen den in den Fels gehauenen Gang skeptisch. Links und rechts zweigen kleinere Höhlungen ab, in denen jeweils zwei Stockbetten auf uns warten. Wir schleppen unsere Ruck- und Schlafsäcke in die Nischen, ziehen einen behelfsmäßigen Vorhang zu und schlafen sofort wie die Steine.
Früh am nächsten Morgen, die Temperaturen sind noch erträglich, besichtigen wir die historischen Dugouts. Die Möbel, die in den Felshöhlen verteilt wurden, wirken fehl am Platz. Sogar eine unterirdische Kirche gibt es. War ich gestern noch fasziniert von dem Gedanken, hier zu leben, überwältigt mich die unterirdische Stadt heute mit ihrer Trostlosigkeit. Ich beneide die Arbeiter nicht, die hier wohnen. Trotzdem oder gerade deswegen hat Coober Pedy einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Fertig mit der Tour entern wir wieder unseren Reisebus, sagen Coober Pedy Lebewohl und fahren zurück auf den Stuart Highway. Die Landschaft hat sich nicht verändert und tut mir diesen Gefallen in den nächsten acht Stunden auch nicht. Schließlich überqueren wir die äußerste Grenze von South Australia und befinden uns ab jetzt im Nothern Territory. In tiefster Dunkelheit erreichen wir den Ayers Rock Campground, beziehen unsere Zelte und grillen das Abendessen über einem Lagerfeuer. Das hier ist für die nächsten Tage unsere Basis.

Die Nacht ist turbulent: Draußen knistert und raschelt es, Kojoten heulen und ich schrecke bei jedem unbekannten Geräusch aus dem Schlaf. Vor Sonnenaufgang (ich habe sowieso kaum ein Auge zugetan) geht es, dieses Mal nur mit leichtem Gepäck, auf in den Nationalpark. Dort sehen wir den Ayers Rock zum ersten Mal – in das Licht der Morgensonne getaucht, die langsam über den Horizont klettert.

Den Tag über wandern wir in den Olgas, in der Sprache der Aborigines auch Kata Tjuta genannt, was übersetzt so viel heißt wie „viele Köpfe“. Diese Namensgebung trifft auf die Felsformationen auch zu, türmen sie sich doch wie überdimensionierte rote Bienenstöcke in der Landschaft. Abends kehren wir noch einmal zum Sunset Strip zurück und bewundern den Ayers Rock erneut aus der Ferne.

Der nächste Morgen bringt dann endlich das, was wir uns schon seit Anfang der Tour wünschen: Wir brechen unsere Zelte ab, nehmen ein leichtes Frühstück zu uns und machen uns auf den Weg zum Uluru. Den Vormittag über erzählt uns unser Guide bei einer Wanderung um den Ayers Rock mehr über den Schöpfungsmythos der Aborigine, die Traumzeit. Wir stolpern über Zeichnungen und kleine Aushöhlungen im großen roten Stein – jede von ihnen hat dabei eine eigene Bedeutung, einen eigenen Rang und Wert. Ich bin beeindruckt von der Komplexität der Vorstellungen und bewundere die Menschen, die so lange Zeit dieser lebensfeindlichen Umgebung ein Zuhause abgetrotzt haben.
Im Anschluss fahren wir sofort weiter, auch wenn ich gerne noch etwas länger geblieben wäre. Vor uns liegt eine Nacht in der Kings Creek Station, aber vorher statten wir noch dem gleichnamigen Canyon einen Besuch ab. In einer dreistündigen Wanderung durch sengende Hitze und in Gesellschaft aufsässiger Fliegen erkunden wir den Kings Canyon und stoßen verschwitzt und müde auf den „Garden of Eden“ – ein Wasserloch mitten in der Wüste.

Dort schwimmen wir und genießen das kühle Nass, bis es in der Abenddämmerung zurück zum Campground geht. In dieser Nacht verzichten wir darauf, unsere Zelte aufzubauen und schlafen stattdessen unter freiem Himmel. Auch mit Schlafsäcken ist es kalt. Wüste eben.

Und trotz klappernder Zähne und handtellergroßer Spinnen, die an der Grenze unseres Sichtfeldes entlang schleichen, kann ich den Blick nicht von der Milchstraße abwenden. Die Sterne sind so klar, wie ich sie bisher nie wieder gesehen habe. Und genau deshalb werde ich diese durchfrorene Nacht unter den Sternen nicht wieder vergessen. Sie ist meine besondere Erinnerung an den Roadtrip in das Herz des roten Kontinents.

Wer von euch war auch in Australien und hat dort unvergessliche Augenblicke gehabt? Schreibt mir in den Kommentaren eure schönsten Reiseerlebnisse – egal wo. 🙂

  1. Du schreibst wirklich toll, es hat mir Spaß gemacht, dich auf der Tour durch Australien zu begleiten!
    Viele Grüße
    Judith

  2. Vielen Dank! 🙂 Die Tour ist zwar schon ein bisschen länger her, aber ich wollte den Inhalt trotzdem teilen.

    Herzlich,
    Anna

  3. Liebe Anna, toller Blog! Mag deinen Schreibstil total gerne! Hast du meine Email bekommen? Und hast du Lust bei der Blogparade mitzumachen? 🙂 Liebste Grüße Irene von The Black Hoodie Blog!

    • Hallo Irene,

      vielen Dank! 🙂 Ich habe dir einen Kommentar auf deinem Blog hinterlassen, denn deine Mail ist bei mir leider nicht angekommen (vielleicht hat die Autokorrektur da was falsch verstanden? "Gradwanderung" im eigentlichen Sinne wird ja mit "t" geschrieben, deswegen "verbessern" viele Rechtschreibprogramme das automatisch, ist mir auch schon passiert). Würde mich aber über einen Link oder nähere Infos zur Blogparade freuen! 🙂

      Herzlich,
      Anna

    • Hallo Anna 🙂

      Hab dir eben eine Email geschickt, schau mal,ob es geklappt hat!

      Liebe Grüße

      Irene

  4. Liebe Anna,

    vielen Dank für diese tolle Reiseerinnerung und das bisschen Kitsch am Ende deiner Zeilen 🙂
    Ich war 2004 in Australien. Allerdings hauptsächlich in Queensland. Hier habe ich als Naturschützerin gearbeitet und war in den schönsten Nationalparks unterwegs. Zusammen mit Rangern, Aborigines und freiwilligen aus der ganzen Welt habe ich hier unvergessliche Wochen verbracht. Dank meiner 30(!) Farbfilme, kann ich heute immer noch durch meine „Reiseerlebnisse“ blättern. Sind deine Bilder schon digital aufgenommen oder hast du auch noch mit Film photographiert?
    Wie lange ist deine Reise denn her? Falls du noch analog photographiert hast, wie hast du deine Bilder digitalisiert? Scanner?
    Ich schaue hier bald wieder vorbei 🙂
    Bis bald,
    Sonja

    • Hallo Sonja,

      vielen Dank für deinen lieben Kommentar! 🙂 Ja, Australien ist schön, da beneide ich dich ein bisschen um die vielen Reiseerinnerungen, die du mit nach Hause nehmen konntest, denn ich habe 2006 tatsächlich noch analog fotografiert, und zwar mit einer sehr einfachen Kamera. Dank heutiger Bearbeitungsprogramme konnte ich aber noch einiges aus den Fotos rausholen, sodass sie meiner Erinnerung mehr gleichen. 😉
      Digitalisiert habe ich sie tatsächlich per Scan mit möglichst hoher Auflösung von meinem Drucker aus (und danach bearbeitet). Ich finde um in der Schublade zu verstauben sind die Fotos (auch von damals) einfach zu schön – wenn sie auch nicht an die heutige Digitalfotografie rankommen (aber den Vergleich müssen sie sich auch nicht gefallen lassen, finde ich).

      Herzlich,
      Anna

  5. Wow so eine Reise zum Herzen des Kontinents ist ein absoluter Traum von mir! Ich war zwar leider nur 5 Tage in Australien, aber schon in Sydney war ich fasziniert von der einzigartigen Tierwelt, die so anders als die vom der Rest der Welt ist. Ich denke da an die witzigen Vögel mit den krummen Schnäbel oder frei fliegende Kakadus mitten in der Stadt… Und die Möwe, die mir die Pizza von der Hand geschnappt hat *grrr*

    • Ja, die Tierwelt hat mich auch fasziniert. Besonders ein Albino Känguru, das sich von mir seinen Bauch hat streicheln lassen. 🙂

  6. Ach ja, das Outback…. Inzwischen ist meine Reise nach Down Under fast genau ein Jahr her und immer noch denke ich oft an unseren Trip zum Uluru zurück… Genau wie du konnte ich einfach den Blick von diesen unglaublichen Weiten bei Tag und dem unglaublich krassen Sternenhimmel bei Nacht abwenden! Ich sollte mal wieder einen Australien-Artikel schreiben, denn der Abschluss meiner Artikelserie zum Outback steht noch aus… Vielen Dank für den Throwback an mein eigenes Outback-Abenteuer!

    Viele Grüße
    Julia

    • Ja, Australien und sein Outback sind schon etwas besonderes. Würde auch sehr gerne noch einmal dorthin zurück. 🙂

  7. Hallo Anna,

    ich erinnere mich sehr gerne an meine letzte Australienreise. Die ist erst wenige Wochen her und ich möchte wieder hin, weil der Ayers Rock fehlt mir noch zu meinem Glück. Umso mehr fehlt er mir nach Deinem schönen Bericht. Danke für das Fernweh!

    Viele Grüße
    Annik

  8. Schöner Beitrag. Und ihr scheint ja auch keine Fliegenplage am Uluru gehabt zu haben, oder? Wandern um den Ayers Rock oder um die Olgas war für uns deshalb leider nicht wirklich möglich. Aber tolle Fotos haben wir trotzdem unter: https://one-million-places.com/reiseberichte/australien-neuseeland/australien

    Wir würden uns über Euren Gegenbesuch freuen 🙂

    Viele Grüße
    Sandra & Michael

    • Ein paar Fliegen waren schon unterwegs, aber es ging eigentlich. Schlimmer war es an anderen Orten oder Tankstellen. 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sechs + 6 =

%d Bloggern gefällt das: