Haunted_London

Haunted London: Von Geistergeschichten und einer Beschwörung

Als ich mich aus dem Bauch der Underground Station Bank schäle, ist es viertel nach sieben, abends. Den richtigen Ausgang habe ich gleich gefunden und ich bin gespannt wie ein Flitzebogen auf das, was mich erwartet: Eine Geistertour durch das alte London. Das mag vielleicht im ersten Moment etwas seltsam klingen, aber als ich im Internet auf diese Walking Tour gestoßen bin, musste ich sie einfach buchen. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet, spekuliere aber auf eine Mischung aus Historie und Geschichten erzählen. Und genau das bekomme ich auch.

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Ein Mann im altmodischen Anzug

Als ich aus dem Schatten der Station trete, fällt mir sofort der Mann auf, der in schickem Anzug gekleidet mit einer Liste vor dem Eingang steht. Er stellt sich als Richard unser Tourguide vor und hakt unsere Namen auf der Liste ab. Danach bittet er uns, noch einen Augenblick zu warten, bis alle anderen eingetroffen sind. Nach und nach versammeln sich immer mehr Menschen auf dem Platz über der Tube Station Bank; sie alle wirken nicht wie die typischen Geisterjäger oder Vampirfans. Stattdessen sind wir eine wilde Mischung und als Richard uns zusammenruft, bin ich fast so gespannt auf die Reaktionen all dieser verschiedenen Leute, wie auf die Tour an sich.

Eine heimgesuchte U-Bahn Station

Richard versammelt uns in einem weitläufigen Kreis um sich und wartet, bis sich alle sortiert haben. Der Verkehrslärm ist nicht unbeträchtlich, aber sobald er anfängt zu sprechen, zerstreuen sich meine Bedenken. Er fragt, wer an Geister glaubt und wer nicht. Einige heben zögerlich die Hände, andere schütteln mit den Köpfen. Letztere seien unsere Testobjekte, die es zu überzeugen gilt, wirft Richard ein. Dann macht er direkt weiter und fragt, ob wir auch dieses melancholische Gefühl gespürt haben, als wir aus der Underground Station gestiegen sind? Oder den Geruch wahrgenommen haben, der stechend und eklig sein soll.
In den meisten Gesichtern zeichnet sich Ratlosigkeit ab, einige Teilnehmer fangen aber an zu nicken. Das liege, so Richard, wahrscheinlich an den Dingen, die hier passiert seien. Das könne er natürlich nicht mit Sicherheit sagen, aber vielleicht sei dem so.

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Schreckliche Ereignisse prägen einen Ort über den Tod hinaus

Während der großen Seuchenzüge, die London in der Vergangenheit regelmäßig heimgesucht haben, soll nämlich hier ganz in der Nähe ein Massengrab ausgehoben worden sein. In diesem Grab seien die Seuchenopfer bestattet worden, manche tot, manche noch lebend – wer wisse das schon?
U-Bahn Mitarbeiter, die hier nach Dienstschluss Gleise ausbessern sollten, würden nun häufig von dieser Melancholie sprechen, die sich ihrer bemächtige. Sie würde sie aus der Station hinaus treiben, weil sie es nicht mehr aushielten.
Er macht eine dramatische Pause.
Vielleicht stünde dieses Gefühl ja in Zusammenhang mit den Toten, die hier bestattet seien, wirft er dann ein. Vielleicht habe sich das Gefühl von Angst und Schrecken über den Tod hinaus erhalten.
Richard lässt seine Worte einen kurzen Moment in der Luft hängen, nur der Verkehr ist noch zu hören. Dann grinst er und sagt, dass das eventuell aber auch daran liegen kann, dass U-Bahn fahren in London an manchen Tagen einfach verdammt anstrengend ist und Gleise ausbessern mit Sicherheit noch viel mehr.

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Durch Gänge und Gassen

In den folgenden neunzig Minuten laufen wir kreuz und quer durch den Londoner Finanzdistrikt, in dem um diese Uhrzeit wirklich keine Menschenseele mehr unterwegs ist – von draußen rauchenden Restaurant Angestellten einmal abgesehen. Wir folgen Richard in die Alleyways, die Gässchen und Gänge Londons, in denen man sich allein wahrscheinlich hoffnungslos verlaufen würde. Er erzählt bei jedem Stopp eine Geschichte, manchmal mehr, manchmal weniger gruselig. Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass es Sommer ist und damit noch nicht dunkel, dass die Stimmung bei mir nicht ganz ankommt. Trotzdem ist jede der Geschichten für sich genommen sehr spannend und ich lausche Richard gerne. Seine Erzählstimme lässt mich jedenfalls sofort Schatten von Geisterfrauen und Gesichter hinter Fenstern sehen.

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Eine Beschwörung zum Schluss

Schließlich hat sich die Nacht doch noch über London gesenkt. Es ist frisch geworden und wir stehen an unserer letzten Station: Dem Grab eines Unbekannten. Richard erzählt von einer Beschwörung, die man aufsagen müsse, um den Geist den Rest der Nacht an einen zu binden. Die Schatten der Bäume bewegen sich im Wind und ich sehe in den Gesichtern der anderen, dass die Gruselstimmung sie zum Schluss der Tour doch überfallen hat: Pärchen rücken enger zusammen, Hände werden gehalten. Dann beendet Richard die Führung und gibt uns noch einen kleinen Geheimtipp mit auf den Weg. Welcher das ist? Das verrate ich nicht. Dazu müsst ihr die Ghost Walking Tour schon selber machen. Vielleicht seht ihr dann ja auch einen echten Geist, und nicht nur, so wie ich, die in meiner Phantasie.

Tour? London Ghost Walks
Preis? 10 Pfund pro Person
Dauer? 1 Stunde, 45 Minuten

Glaubt ihr an Geister? Und habt ihr schon einmal eine solche Walking Tour mitgemacht? Schreibt es mir gerne in den Kommentaren.

  1. Großartig! Ich mag solche Touren supergerne, auch wenn ich selbst eher zu den Skeptikern gehöre 😉 Dennoch finde ich es sehr spannend zu hören, wie solche Geschichte entstanden sind und wo der Ursprung einer Geisterlegende liegt. In London habe ich zwar keine Geistertour gemacht – danke für den Hinweis, mache ich garantiert beim nächsten Mal – aber eine Geistertour in Köln und eine in Nürnberg habe ich schon durch und war jedes Mal begeistert.
    Toller Artikel!
    Viele Grüße
    Maria

    • Ich bin ja bald in Köln, da würde sich so eine Tour dort anbieten. Magst du mir vielleicht den Anbieter verraten? 🙂

      Herzlich,
      Anna

  2. oh, das finde ich absolut großartig. grade in london stelle ich mir das super vor. bei uns in wien gibt es das auch, das wollte ich eigentlich auch schonmal machen und hab dann wieder vergessen.

    • Ja, es hatte auf jeden Fall Atmosphäre (auch wenn es ein lauer Sommerabend mit viel Sonne war). In Wien kann ich mir das auch gut vorstellen. Wenn du die Chance hast, mach das mal mit. Bringt sehr viel Spaß, auch wenn man keine Geister sieht. 😉

  3. das glaube ich! grade ist dein artikel über irgendein soziales netzwerk bei mir wieder reingespült worden, was lustig ist, weil ich die letzten oktober-tage in london verbracht haben und wir eine jack the ripper nightwalk-tour durch whitechapel gemacht haben. das war auch super. leider haben wir nud den big ben nicht ohne gerüst gesehen – der ist ja die nächsten jahre wohl zu renovierungsarbeiten versteckt.

    • Oh, echt? Ich war im Juni dort, da war er noch zu sehen. Schade, der Big Ben ist ja eigentlich schon immer ein Hingucker. 🙂

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