Athen Lykabettus

Wie ich in Griechenland wahre Gastfreundschaft fand

Der Flug nach Athen ist in einem Augenblick vorbei: Vom kalten Schöneberger Flughafen geht es direkt in die griechische Hauptstadt. Athen empfängt mich mit Sonnenschein und einem Temperaturunterschied, der mich die zugigen Gänge und die Herbstluft schnell vergessen lässt. Ich knote meinen Wintermantel um die Hüfte und hoffe, bald in meiner Unterkunft anzukommen, um die viel zu warme Kleidung endlich los zu werden.
Aus einer schnellen Anreise wird allerdings nichts. Denn sobald ich den Flughafen verlasse, funktioniert nichts mehr so, wie gedacht. Dank meiner Planung schaffe ich es zwar bis zur richtigen Metro Station, danach stehe ich aber trotz Karte dem Gewirr griechischer Straßen gegenüber. Und dieses Gewirr scheint mich nicht zu mögen, denn egal wohin ich laufe, die Straßennamen sehen nie so aus wie sie sollten.

Verlaufen in Athen

Nach einer halben Stunde gebe ich auf und kaufe mir an einem der Straßenstände etwas zu trinken. Laut meinem AirBnB Gastgeber sollte der Weg fünf Minuten dauern. Ich bin durchgeschwitzt, meine Arme tun vom Koffer ziehen weh und ich verfluche die Winterjacke ein zweites Mal.
Irgendwie hatte ich ja geahnt, dass das mit dem griechischen Alphabet nicht ganz simpel werden würde, aber dass ich einen Weg von fünf Minuten nicht finden würde, weil ich einfach zu blöd war, Straßennamen zu lesen – das hätte ich nicht gedacht.
Ich leere die Wasserflasche und raffe mich wieder auf. Hilft ja nichts. Denn wenn ich heute noch in meiner Unterkunft ankommen will, muss ich mich beeilen. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich niemanden gesehen, der vertrauenswürdig genug aussah, um ihm mein Handy in die Hand zu drücken und mir den Weg zu beschreiben. Mit zunehmender Dunkelheit werde ich allerdings weniger wählerisch und frage schließlich eine Griechin.

Parthenon Akropolis Athen

Griechische Gastfreundschaft: Klappe die 1.

Ich habe auf Reisen eigentlich immer die Erfahrung gemacht, dass man seinem Bauchgefühl folgen sollte. Tut man das, passiert in der Regel nichts allzu schlechtes. Und auch dieses Mal sollte ich recht behalten: Anstatt mir nur den Weg zu beschreiben, wirft die junge Frau kurzerhand ihre Abendplanung über Bord und zeigt ihn mir persönlich. Ist ja nicht weit, meint sie. Nur fünf Minuten. Ich schaue auf die Uhr: Wenn ich für alle kurzen Wege in Griechenland so viel Zeit brauche, muss ich meine Pläne anpassen.
Schließlich bleiben wir vor einer Kreuzung stehen. Die Griechin erklärt mir, dass ich von hier an nur noch geradeaus und in die nächste Straße links einbiegen müsse. Ich bedanke mich und zuckele mit meinem Koffer die letzten Meter bis zu meinem wohlverdienten Bett. Das glaube ich jedenfalls.

Von richtigen Häusern und falschen Namen

Inzwischen hat die Dämmerung eingesetzt. Ich finde das richtige Haus auf Anhieb, immerhin etwas, hole mein Handy raus und suche auf den Klingelschildern nach dem Namen meines Gastgebers.
Ich suche von oben nach unten. Von unten nach oben. Seitwärts. Dreimal, viermal. Vergleiche jeden Bogen und jede Rundung – und muss feststellen, dass der Name, der da in griechischen Buchstaben auf meinem Display steht, beim besten Willen nicht auf den Klingelschildern zu finden ist.
Innerlich winke ich meinem Bett zu, das sich mit einem Mal wieder in unerreichbarer Ferne befindet. Nach einem Moment der Resignation fängt mein Kopf an zu arbeiten: Entweder habe ich das falsche Haus erwischt, die Straße ist nicht die richtige oder ich wurde verarscht.
Ich laufe zurück zum nächsten Straßenschild und vergleiche auch dort jeden Buchstaben: Alles gleich. An der jungen Griechin liegt es schon mal nicht. Zurück am Haus überlege ich, einfach alle Knöpfe zu drücken, irgendwer wird schon noch wach sein, entscheide mich aber dagegen und rufe stattdessen die Nummer an, die mir mein Gastgeber gegeben hat.

Plaka Athens Aristoteles

Diese Rufnummer ist nicht vergeben

Erst auf Griechisch, danach auf Englisch und schließlich auch  noch auf Französisch bekomme ich mitgeteilt, dass die gewählte Rufnummer nicht erreichbar ist. Die Resignation wandelt sich langsam in ein Gemisch aus Panik und Wut. Ich stehe mitten in Athen vor einem Haus und habe nicht die geringste Ahnung, wie ich mein Dilemma lösen soll.
In diesem Moment bricht ein Wortschwall die Stille. Ich schaue nach rechts und entdecke eine alte Frau, die von ihrer Haustür aus ihrer Nachbarin etwas zuruft. Ich habe keine Ahnung, worum es geht, aber ich weiß, dass das die einzige Chance ist, die ich bekommen werde.
Der Koffer bleibt stehen und ich sprinte die Straße hinunter, auf die alte Frau zu. Sie sieht mich etwas skeptisch an, als ich außer Atem vor ihr stehen bleibe und ihr erkläre, dass ich meinen Gastgeber nicht erreiche.
Es dauert genau zwei Minuten, bis ich merke, dass sie kein Englisch spricht. Und auch keine andere Sprache, die ich beherrsche, sondern nur – oh Wunder – Griechisch.

Griechische Gastfreundschaft: Klappe die 2.

Von jetzt an geht es mit Händen und Füßen weiter. Ich weiß bis heute nicht, wie ich es geschafft habe, ihr zu erklären, was mein Problem ist. Ich weiß nur, dass sie mit ihren Schlappen und meinem Handy in der Hand auf einmal die Straße hoch zu dem Haus läuft, in dem sich meine Unterkunft befinden soll.
Zusammen vergleichen wir noch einmal die Namen und auch sie scheint ihn nicht zu finden. Anstatt mich stehen zu lassen, fragt sie mich nach einer Telefonnummer. Ich wähle sie, obwohl ich weiß, dass sie keinen Anschluss finden wird, und gebe ihr das Handy zurück, damit sie die griechische Ansage hören kann.
Das scheint einiges klarer zu machen, denn sie nickt, dreht sich um und läuft wieder zurück zu ihrem Haus. Ich folge ihr allein schon deshalb, weil sie immer noch mein Handy in der Hand hält.  Währenddessen redet sie in einem nicht enden wollenden Wortschwall weiter auf mich ein.

Plaka Athens

Drei Generationen

Mit meinem Telefon verschwindet sie in ihrer Wohnung. Drinnen höre ich den Fernseher und die Stimme der alten Dame, die anscheinend gerade resolut dabei ist, ihre Familie zusammenzutrommeln. Denn einen Herzschlag später steht nicht nur sie wieder bei mir auf der Straße, sondern auch Enkelin und Tochter. Letztere spricht mich auf Englisch an.
Mir fällt ein Stein vom Herzen, während ich  noch einmal das Problem erkläre. Dann holt die Tochter ihr Festnetztelefon und ruft bei der Nummer meines Gastgebers an. Ich höre zu und muss unwillkürlich lächeln, als die Enkelin der alten Frau, die höchstens vier Jahre alt sein kann, mich hinter den Beinen ihrer Mutter versteckt neugierig anguckt.
Danach geht alles ganz schnell: Mein Gastgeber kommt runter und entschuldigt sich bei mir – er habe das Namensschild noch nicht geändert. Ich bedanke mich bei der alten Frau und ihrer Familie und falle endlich doch noch ziemlich müde in mein Bett. Kurz bevor ich einschlafe, denke ich noch einmal daran, wie viel Glück ich gehabt habe und dass ich ohne die Hilfsbereitschaft der Menschen hier wahrscheinlich immer noch auf irgendeiner Parkbank sitzen würde. So viel Gastfreundschaft ohne die Forderung nach einer Gegenleistung habe ich bisher noch nie erlebt. Und es ist schön zu wissen, dass es sie noch gibt.

Was waren eure besonderen Momente der Gastfreundschaft? Hattet ihr welche? Lasst es mich in den Kommentaren wissen!

  1. Total nette Geschichte! Ich bin gerade aus einem Kurztrip aus Kroatien zurück gekommen und bin noch immer total gerührt von so viel Freundlichkeit: Unser Privatzimmer-Vermieter hat uns mitten im kleinsten Kaff ins nächste (und einzige) Restaurant gefahren und dort auf uns gewartet bis wir unser Take-away-Essen fertig war. Kleine Gesten, große Wirkung 🙂

  2. Ich habe ein paar Adressen in Griechenland, zu denen ich aus eben diesem Grund immer wieder reise. Es ist nicht nur die atemberaubende Landschaft, das hervorragende Essen und das gute Wetter: Herzliche Menschen aller Alterklassen, die einem das Gefühl geben, dazuzugehören, die offen und neugierig sind, sich gerne unterhalten, auch weit jenseits vom Urlaubssmalltalk. Die einem eine hausgemachete Leckerei hinstellen, einen zum Essen bitten, das Rad leihen, mit dem Auto herumkutschieren, das Kind mit Fieber 140 km in Krankenaus fahren mitten in der Nacht…. ich könnte jetzt noch stundenlang aufzählen, was uns alles Gutes getan wird, wenn wir dort sind. Die geöffneten Herzen haben uns zu Freunden gemacht. Darauf möchte ich nie wieder verzichten!

    • Ja, die Gastfreundschaft scheint schon etwas besonderes zu sein. Ich werde in jedem Fall noch mehr von Griechenland sehen. 🙂

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