Gettysburg Military Park

Die Geister Gettysburgs

Was der amerikanische Bürgerkrieg aus dem kleinen Ort machte

Als wir vom Highway abfahren, beginnt die Sonne gerade zu sinken. Wir kommen aus dem Shenandoah National Park und haben heute schon bewaldete Berge bis zum Horizont, Kolibris und Bärenwarnungen gesehen. Deswegen bin ich von der sanften Felderlandschaft, die gelegentlich durch Denkmäler durchbrochen wird, auf den ersten Blick nicht wirklich beeindruckt. Aber was nicht ist, das kann ja noch werden.

Wir durchqueren den Ort und schon jetzt stelle ich fest, wie klein und typisch amerikanisch er ist (ich sage nur: Flaggen, jede Menge Flaggen). Unser Hotel liegt außerhalb – war billiger. Also lassen wir auch das letzte Haus hinter uns und stellen unser Auto zehn Minuten später auf einem leeren Parkplatz ab. Ich fühle mich irgendwie komisch, als ich den Koffer aus dem Auto wuchte und mit ihm auf den Haupteingang zu rolle. Als ob sich mir eine kalte Hand in den Nacken gelegt hätte und danach als Schauer über mein Rückgrat gekrochen wäre.

Beim Check-in begrüßt uns eine freundliche Rezeptionistin, danach treffen wir keine Menschenseele mehr. Das Hotel ist riesig. Und es ist leer. Ich komme mir vor wie in einem Geisterhaus, während wir die endlos langen Gänge gefühlt einmal quer durch den Hotelkomplex bis zu unserem Zimmer durchwandern.
Der Teppich verschluckt unsere Schritte und die Bilder an den Wänden wirken wie Zeugen des letzten Jahrhunderts. Es ist alles so plüschig und altbacken und es hätte mich nicht gewundert, wenn eine Lady mit Kleid und ausladendem Hut um die Ecke gebogen wäre, am Arm eines Gentleman hängend, der einen Zylinder auf dem Kopf und einen Gehstock in der Hand gehalten hätte. Vielleicht sogar als Geister. Wer weiß das schon. Stattdessen begegnet uns ein bis aufs Äußerste betrunkener Amerikaner, der statt eines Zylinders seinen Havanna Club Hut zieht und in die entgegengesetzte Richtung davon torkelt. Wir sind also doch nicht allein. Sollte mich das beruhigen?

Wir stellen unsere Koffer im Zimmer ab und lauschen der Stille. Die Party, von der der Amerikaner gekommen ist, scheint irgendwo anders stattzufinden, denn hier hört man nicht mal Stimmen aus dem Nachbarzimmer. Der Wasserhahn tropft und wir beschließen unwillkürlich, dass wir noch einmal raus wollen. Dieses Hotel ist unheimlich. Ziemlich unheimlich.

Sobald sich die klimatisierten Türen hinter uns schließen und wir in die warme Augusthitze hinaustreten, fühle ich mich leichter. Wir werden den Ort noch ein wenig erkunden, der Geschichte auf den Spuren sein. Dass die Sonne schon dabei ist, unterzugehen, ist dabei kein Problem, denn um an der self-guided-Tour im Gettysburg National Military Park über die Geschichte des Ortes und seiner Rolle beim amerikanischen Bürgerkrieg teilzunehmen, brauchen wir nur unser Auto und einen Lageplan. Typisch Amerika.

Wir fahren los und sind schon bald gespannt auf jedes neue Mahnmal, jeden neuen Gedenkstein, der sich vor uns aus der Dämmerung schält. Sie erzählen lebendige Geschichte, zeigen beide Seiten, die dort vom 1. bis zum 3. Juli 1863 in der blutigsten Schlacht des amerikanischen Bürgerkriegs gegeneinander gekämpft haben.

Die untergehende Sonne taucht die gesamte Szenerie in ein unwirkliches Licht und wir sind fasziniert und bestürzt zugleich. Was hier geschehen ist, muss furchtbar gewesen sein und dennoch haben beide Parteien im Nachhinein einen Weg gefunden, diese Schlacht nicht vergessen zu machen. Die sanften Felder und Bahnübergänge wirken mit einem mal gar nicht mehr so friedlich und als wir an einem Schild vorbeifahren, welches das Suchen nach Schätzen verbietet, habe ich plötzlich das Bedürfnis, im Wagen zu bleiben. Das Gefühl aus dem Hotel hat mich wieder eingeholt und dass wir gerade durch ein Waldstück fahren macht das Ganze nicht besser. Irgendwie erwarte ich jeden Moment einen Bürgerkriegssoldaten – ob nun von den Nord- oder Südstaatlern sei mal dahingestellt – aus einem der Gebüsche springen zu sehen.

Ich bin froh, als wir das Gebiet wieder verlassen haben und auf dem Rückweg zum Hotel sind. Es erscheint mir jetzt gar nicht mehr so gruselig wie vorhin und auch das altbackene Zimmer vermittelt plötzlich plüschige Geborgenheit.

Der nächste Morgen kommt schnell, obwohl ich ewig lange gebraucht habe, um einzuschlafen. Wir packen unsere Koffer, rollen quer durch das Hotel zum Frühstücksraum und essen unser Spiegelei auf inzwischen fast gewohnt altmodischen spitzenüberzogenen Stühlen. Den Altersdurchschnitt ziehen wir zwischen den ausnehmend amerikanischen Rentern deutlich nach unten.
Nach einem Gruß in die Runde und dem Besuch des wirklich toll aufgestellten Besucherzentrums mit seiner Ausstellung über den amerikanischen Bürgerkrieg verlassen wir Gettysburg. Ich habe gemischte Gefühle – auf der einen Seite hat mir das kleine Städtchen mit seinem altbackenen Charme gefallen, auf der anderen Seite fühle ich noch immer eine kalte Hand auf meinem Nacken.

Seid ihr schon einmal in Gettysburg gewesen? Wie hat es euch gefallen? Oder habt ihr sogar schon einmal am jährlichen Reenactment teilgenommen?

  1. In Gettysburg war ich noch nie. Aber ichliebe dieses Land einfach! All diese Nationalparks… die Landschaften… hach…

    • Gettysburg war für uns auch nur ein Zwischenstopp nach Philadelphia und New York. Aber da ich so begeistert von Geschichte bin, musste dort unbedingt ein Zwischenstopp eingelegt werden. 🙂

  2. Ich war noch nie in Gettyburg, aber das sieht auf jedenfall sehr interessant aus 🙂

  3. Oh ja, da hast du recht. Mit 1,80m tut man sich beim Klamottenkaufen schon eher schwer in Japan. Na ja… eine Schlafhose hättest du noch gefunden, die muss ja nicht so schön sein… ansonsten: schwierig! 😉

    Übrigens musste ich schmunzeln, als ich wieder auf diesen Post geklickt habe. Ich habe vor kurzem mit der Serie „Homeland“ angefangen und da besuchen die auch mal den Ort… 😉 Quasi jetzt wiedererkannt.

    • Stimmt, ich erinnere mich! Bei NavyCIS gibts auch die ein oder andere Folge im Shenandoah Nationalpark; das fand ich auch witzig, als wir da durchgefahren sind. 🙂

  4. Spannender Artikel – und richtig gut geschrieben! Die wechselnden Gefühle konnte ich wirklich gut nachvollziehen – solche historischen Orte sind oft merkwürdig, vor allem wenn man als Nicht-Landsmann eine andere Beziehung zu den Ereignissen hat. Und das Schild mit dem Schatzsuch-Verbot ist ja echt lustig 😀

    • Dankeschön! Ja, Gettysburg war schon eine Sache für sich. Ich weiß immer noch nicht, ob ich dem Ort ein positives oder negatives Gefühl entgegenbringen soll. Wahrscheinlich irgendwas dazwischen. 🙂

      Herzlich
      Anna

  5. Hallo Anna,

    in Gettysburg war ich noch nie, obwohl ich die USA als Reiseland sehr mag. Insbesondere Utah wird meines Erachtens total unterschätzt. Dein Artikel macht allerdings Lust darauf sich Gettysburg einmal näher anzusehen.

    • Hallo Tim!

      Gettysburg ist auf jeden Fall eine Reise wert und noch dazu bekommt man die kalten Schauer, die einem den Rücken runterkriechen, für ganz umsonst bei der Vergangenheit des Ortes. 😉

  6. Pingback: Zu Gast bei den Amish - Die Gradwanderung

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