Street of Rome, Italy

Von schwankenden Schiffen: Wie ich mein erstes Erdbeben erlebte

Voweg sei gesagt: Das Erdbeben, das Mittelitalien im August 2016 erschütterte, hat viele, sehr viele Menschen sehr viel stärker ge- und betroffen als mich. Ich möchte mit diesem Artikel das Leid, das diese Personen erfahren mussten, nicht klein reden. Ich kann mir nicht einmal im Ansatz vorstellen, wie es ist, von einer Sekunde auf die andere geliebte Menschen und sein Zuhause zu verlieren, auf der Straße zu stehen mit nichts mehr als den Kleidern, die man am Leib trägt. Trotzdem möchte ich von meiner Wahrnehmung berichten. Denn auch für mich war dieses Erdbeben etwas, das nicht alltäglich war. Und auch wenn ich – Gott sei Dank! – nicht dadurch zu Schaden gekommen bin, hat es mich doch beeinflusst.


Rom ist eine Stadt, in der ich mich schon immer wohlgefühlt habe. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich Geschichte liebe – und Rom ist quasi der Inbegriff davon. Deshalb freute ich mich umso mehr, dass ich die Ewige Stadt erneut besuchen durfte: Zwar im Hochsommer und bei Temperaturen jenseits von Gut und Böse, aber trotzdem. Ich freute mich auf den Petersdom, die Engelsburg, ja sogar auf die verdammten Pflastersteine aus der Antike, die das Gehen in manchen Teilen der Stadt nach einer Weile zur Hölle auf Erden machen.
Die Anreise war unkompliziert und die erste Nacht ruhig. Ich war in einem Zimmer untergekommen, das direkt in der Nähe des Vatikan lag, vor der Haustür von Franziskus. Mein Wohngebäude war etwas windschief, auf den Straßen lag Müll herum, Katzen schlichen durch Reihen von geparkten Vespas. Alles in allem also typisch Rom.
Ich hatte mir vor der Reise keine großen Gedanken darüber gemacht, dass es zu einem Erdbeben kommen könnte. Zwar wusste ich, dass es in Italien grundsätzlich häufiger welche gibt, was an der afrikanischen Erdplatte liegt, die sich wie ein Dorn in den europäischen Kontinent bohrt, aber wirklich präsent war mir das an meinem dritten Abend in Rom nicht. Ich aß in dem kleinen Restaurant zu Abend, das in der Nähe meiner Unterkunft lag, ließ den Tag Revue passieren und ging schließlich zu Bett.

Mitten in der Nacht begann ich dann einen sehr realistischen Traum von meiner letzten Kreuzfahrt zu haben. Warum das von Relevanz ist? Besagte Kreuzfahrt fand Ende September statt und führte mich um die oberste Spitze Großbritanniens herum nach Irland. Unnötig zu erwähnen, dass es zehn von vierzehn Tagen extrem stürmisch war und viele Passagiere in regelmäßigen Abständen die Fische fütterten. Eine Nacht auf dem Schiff war allerdings besonders unruhig. So unruhig, dass ich mitten in der Nacht mit Pauken und Trompeten aufwachte, weil das Schiff plötzlich so stark in eine Richtung absackte, dass ich mich am Kopfende festhalten musste, um nicht rauszufallen.
Ich lag also im fünften Stock in einem römischen Wohnviertel und träumte sehr lebendig von dem stampfenden Rollen des Kreuzfahrtschiffes. Irgendetwas fühlte sich daran aber nicht richtig an, das spürte ich ziemlich deutlich.
Kennt ihr diese Momente zwischen Traum und Wirklichkeit? Wenn man noch halb in der Traumwelt gefangen ist, aber irgendetwas einem sehr dringend rät, aufzuwachen? Diese Ahnung hatte ich, konnte sie aber so lange nicht zuordnen, bis das Bett unter mir mit einem Mal anfing von der Wand abzurücken.
Das war der Moment, in dem ich endgültig wusste, dass etwas nicht stimmte und dass nicht nur das Bett ein Eigenleben entwickelt hatte, sondern auch der Rest der Möbel: Der Kronleuchter schwang in einem nicht ungefährlichen Winkel hin und her, die Gardinen hingen schief und das Fenster, das ich eigentlich geschlossen hatte, schlug immer wieder gegen die Zimmerwand. Von unten hörte ich eine Kakophonie aus mehreren Alarmanlagen.

Ich brauchte trotzdem noch einige Momente, bis ich begriffen hatte, dass ich mich nicht mehr auf dem Schiff befand. Solange saß ich aufrecht wie festgefroren mitten im Bett und versuchte Sinn in den schwanken Boden unter mir zu bringen.
Dann sickerte langsam die Erkenntnis ein, dass ich gerade mein erstes Erdbeben erlebte und das im fünften Stock eines ziemlich windschiefen Wohnhauses. Jetzt wäre ich bereit dazu gewesen, die Treppe nach unten zu stürmen und hatte mich schon halb in meine Schuhe gezwängt, als es auch schon wieder vorbei war.
An Schlaf war natürlich trotzdem nicht mehr zu denken. Stattdessen lauschte ich bestimmt eine Viertelstunde misstrauisch in die Stille und versuchte den Adrenalinspiegel wieder runterzuschrauben. Zusätzlich durchforstete ich das Internet – vergeblich. Dafür war das Beben zu frisch; ein Fernseher stand nicht im Raum. Irgendwann fand ich dann doch eine Erdbebenseite, auf der live gelistet wurde und stellte fest, dass sich etwa 100 Kilometer von Rom entfernt ein Erdbeben der Stärke 6,2 ereignet hatte. Erst am nächsten Morgen erfuhr ich im Gespräch mit meinem Gastgeber, welche Auswirkungen das Beben tatsächlich hatte und dass das, was von ihm in Rom noch ankam, nur die Ausläufer waren.

Irgendwann siegte die Müdigkeit und ich legte mich wieder hin. Der Frieden währte allerdings nicht lange, denn dem Hauptbeben folgten noch zahlreiche Nachbeben, von denen ich noch insgesamt drei Mal geweckt wurde. Sie waren bei Weitem nicht so stark wie das erste, nur eins von ihnen ließ das Bett erneut rutschen und die Alarmanlagen angehen, aber ein Gefühl der Unsicherheit blieb.
Das Einzige, was ich bis zu diesem Zeitpunkt nie angezweifelt hatte, war die Sicherheit des Bodens, auf dem ich stand. Das mag vielleicht naiv klingen und für Menschen, die aus Erdbebenregionen stammen möglicherweise auch zynisch. Für mich war dieses Erdbeben allerdings etwas, das ich bis dato nicht erlebt hatte und das ich hoffentlich auch nie wieder erleben muss. Auch wenn ich nur seine Reste abbekommen habe, war das schon genug, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie zerstörerisch Natur sein kann und dass wir ihr trotz all unserer Erfindungen, unseres Intellekts, unserer Sicherheitsmaßnahmen im entscheidenden Moment eben doch ausgeliefert sein können.

Insgesamt starben 298 Menschen. Ich möchte ihnen an dieser Stelle gedenken.

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