Die zwei Gesichter von Neapel

Exif_JPEG_PICTUREExif_JPEG_PICTURE

Der ehemalige Klarissenkonvent Santa Chiara

Ich stehe vor einer Fußgängerampel und warte darauf, dass sie grün wird. Alle anderen Leute werfen mir irritierte Blicke zu, bevor sie einfach rübergehen. Es ist laut: Vespas knattern, ein Bus kommt zischend zum stehen, zwei Frauen mit Einkaufstüten diskutieren lauthals. Von irgendwoher umweht mich der Geruch von Frittiertem. Ich trete ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Die Ampel ist immer noch rot. Autos schieben sich dicht an dicht, ein Mann rempelt mich an, bevor er über die belebte Kreuzung rennt. Soll ich wirklich noch warten?

Nein. Ich schaue mich um, nach links und rechts, damit ich auch ja niemanden übersehe, und dann folge ich dem Herzschlag der Stadt, laufe hinter dem Mann über die Straße, hinüber auf die andere Seite.
Ich befinde mich in Neapel, auf dem Weg zum ehemaligen Klarissenkonvent Santa Chiara. Im 14. Jahrhundert erbaut gehören zur Anlage eine Kirche und heute auch noch ein archäologisches Museum. Die Kirche ist Grablege unzähliger neapolitanischer und sizilianischer Könige. Vom Kloster jedoch habe ich viele Besucher schwärmen hören: Von dem Kreuzgang, den Majolika (kleine Anmerkung: Das ist farbig bemalte und glasierte Tonware) und von der Ruhe. Vor allem von der Ruhe.
Jetzt, wo ich schon den zweiten Tag in dieser hektisch lauten und quirlig lebendigen Stadt verbringe, kann ich den Wunsch nach etwas Stille durchaus nachvollziehen. Deshalb habe ich mich auf den Weg gemacht und bin gespannt auf das, was mich erwartet.

Nachdem ich die Via Santa Chiara schon zwei Mal auf und ab gelaufen bin, bleibe ich schließlich stehen. Dass der ehemalige Konvent nicht ganz einfach zu finden sein soll, habe ich schon gelesen, dass er aber so versteckt liegt, habe ich dann doch nicht erwartet. Wahrscheinlich gehört das zum Konzept, denn wenn sich das Kloster wie auf dem Präsentierteller zur Schau stellen würde, wäre es mit der Ruhe sicher bald vorbei.
Ich schaue mich also um und dann finde ich ihn doch noch, den Eingang. Durch einen Torbogen geht es hinein in einen Innenhof, auf der linken Seite ragt ein Turm in die Höhe. Den habe ich auch schon von draußen gesehen, wäre aber nie auf die Idee gekommen, dass er zum Konvent gehört. Ich folge den Schildern, die zu den Kassen bitten und bemerke, dass der Lärm der Stadt schon im Hof merklich nachgelassen hat. Als sich dann die Türen zum Kreuzgang hinter mir schließen, ist es, als wäre ich in einer vollkommen anderen Welt angekommen.

Es ist still.
Und ich meine wirklich still. Ich höre nichts mehr. Weder das Knattern der Vespas noch die lauten italienischen Diskussionen. Nur das Tropfen und Plätschern von Wasser kommt irgendwo von vorne.
Ich wage mich vor in diese andere Welt, stehe in einem Gang: Rechts die Außenwände, links Säulen, die den Blick freigeben auf der grüne Herz der Anlage. Ich laufe bis in die Mitte, biege dann ab und tauche ein in den bunt bemalten Kreuzgang Chiostro delle Maioliche.

Er ist wirklich so wunderschön, wie er mir beschrieben wurde, auch wenn die Farben schon etwas ausgeblichen sind. Entstanden ist er Mitte des 14. Jahrhunderts und wurde dann im 18. Jahrhundert zum Innenhof umgestaltet. Aus dieser Periode stammen auch die Mauern, Stützen und Bänke, die über und über mit den berühmten Majolika überzogen sind. In der Mitte des Kreuzgangs steht ein Brunnen, von dem ich vorhin das Plätschern gehört habe.

Ich gehe einmal alle vier Arme des Kreuzgangs ab und setze mich dann in den Schatten, schließe die Augen und genieße den Duft der Zitronenbäume und das gelegentliche Klicken eines Fotoapparats. Ich nehme die Stille in mich auf, tanke die Ruhe. Irgendwann fühle ich mich wieder bereit dazu, es mit der Stadt aufzunehmen. Und so verlasse ich das ehemalige Kloster Santa Chiara, dankbar für die kurze Atempause, und kehre in das laute, quirlig lebendige Neapel zurück.

Seid ihr auch schon einmal an so einem Ort der Stille gewesen? Habt ihr euch dort wohl gefühlt oder wäret ihr lieber schnell zurück unter Menschen gegangen? Schreibt es mir in den Kommentaren!

8 Kommentare

  1. Ich liebe solche Oasen der Stille in Großstädten! Gerade in einer lebhaften Stadt wie Neapel muss das toll sein! Ein bisschen Durchatmen kann nie schaden 🙂

  2. Dieses stille Gesicht von Neapel habe ich gar nicht gesehen. Sehr schön! Aber Spaccanapoli hatte auch einen ganz besonderen Charme. Und die Pizza war sowieso unvergesslich…

  3. Das sind wundervolle Fotos und solche Oasen sind wunderschön.
    Ich überlege gerade, ob es sowas in Wien gibt… aber Wien ist eigentlich gar keine laute Stadt. Hier gibt es sehr viele Parks und ich spüre diese Hektik gar nicht so.

    Liebe Grüße, Anja

    • Das stimmt, Wien ist mir auch als relativ ruhige Stadt erschienen. Ich suche noch nach so einem Ort in New York City. Da wurde es mir nach einer Weile auch etwas zu viel mit der Hektik. Mal sehen, ob ich ihn beim nächsten Besuch entdecke. 🙂

      Herzlich,
      Anna

  4. Schöner Bericht – ganz toll geschrieben! In Neapel war ich mal als kleines Kind, aber die Erinnerungen sind schon sehr verblasst. Da muss ich als Italienfan unbedingt auch nochmal hin. 🙂

    Lieben Gruß aus Mainz,
    Sarah

    • Hallo Sarah,

      vielen Dank! 🙂 Neapel hat mich sehr fasziniert und wenn du die Möglichkeit dazu hast, schau auf jeden Fall mal vorbei.

      Herzlich,
      Anna

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.