Auswandererhaus Bremerhaven

Das Auswandererhaus Bremerhaven [Anzeige]

Auf der Schiffsplanke ins Ungewisse

Die Möwen kreischen um meinen Kopf herum, während ich mich Meter um Meter dem Eingang des Dampfschiffes nähere, das mich zusammen mit meiner Auswandererfamilie auf eine Reise ins Ungewisse schicken wird. Ich befinde mich im Auswandererhaus Bremerhaven und stehe kurz davor, die beschwerliche Reise von Menschen nachzuvollziehen, die alles in der Hoffnung auf ein neues, besseres Leben hinter sich gelassen haben. Und das in einer Zeit, in der einem niemand garantiert hat, dass man es überhaupt lebend über den großen Teich schaffen würde, von dem Leben in einem neuen Land mit neuer Sprache, neuen Nachbarn und Herausforderungen ganz zu schweigen.

Vom Hafenkai ins Ungewisse

Unten am Hafenkai stehen noch weitere Familien, die auf ihre Einschiffung warten und ich beeile mich in den Rumpf des Schiffes einzutauchen und mehr über die Überfahrt zu lernen.
Je später man sich dabei entschied, ins Ungewisse aufzubrechen, desto bessere Bedingungen fand man anscheinend auf den Schiffen vor. Die beengten Verhältnisse an Bord eines Seglers, auf dem mit Sicherheit Krankheiten grassierten, kann ich mir mit Blick auf die nachgebauten engen Kojen lebhaft vorstellen. Ganz anders einen Raum weiter: Mit der Erfindung der Dampfschifffahrt wurden die Verhältnisse besser. Ich habe fast das Gefühl als könnte Jack aus der berühmten Hollywood Schnulze „Titanic“ jeden Moment um die Ecke biegen, so sehr erinnern mich die Unterkünfte der dritten Klasse an den Film. Auch der Boden der im Auswandererhaus Bremerhaven nachempfundenen Schiffskabinen ist leicht schräg angelegt, sodass man mit jedem Schritt das Gefühl bekommt, als würde er sich unter den Füßen bewegen.

Die Galerie der 7 Millionen

Weiter geht es in einen Raum, der mich noch mehr fasziniert als die anderen, denn hier befindet sich die Galerie der sieben Millionen: Repräsentativ werden die Schicksale von vielen ausgewanderten Personen mit Hilfe einer riesigen „Bibliothek der Namen“ dargestellt. Hier finde ich auch meine Auswanderin wieder, die mich seit dem Anfang des Museumsbesuchs im Boarding Pass begleitet. Ich suche sie, überfliege endlos viele Namen, um mehr über ihr Schicksal, ihre Geschichte und darüber zu erfahren, ob das Auswandern sich für sie gelohnt hat.
Schließlich finde ich sie und entdecke ihren familiären Hintergrund, ihre Motive und Wünsche. Es ist faszinierend, wie viel man noch von dieser Person weiß, deren Familie mit ihr zusammen 1949 in die USA ausgewandert ist.

Welcome to New York

Von der Galerie der 7 Millionen wandere ich nun ein, und zwar – genau wie „meine“ Auswandererfamilie – nach New York City. Eindrucksvoll ist der Einreisebereich nachgebaut, ich kann die Wünsche und Träume der hier gestrandeten förmlich auf der Zunge schmecken. Ilka Seer, Pressereferentin des Auswandererhauses, erzählt, dass die Auswanderer, die jetzt zu Einwanderern werden, mit dem Besteigen des Schiffes ihren Pass, also ihre Staatsangehörigkeit, aufgeben mussten. Nun als einer von vielen hier zu sitzen und zu hoffen, dass man hinein gelassen wird, um ein neues Leben zu beginnen, stelle ich mir fast unerträglich vor.

Auch wenn man es schließlich durch die Kontrollen geschafft hat, war die Reise noch lange nicht vorbei, denn viele blieben nicht in New York, sondern reisten weiter. Einen Shuttle Service gab es für die Einwanderer aber nicht, sie mussten den ganzen Weg von den Fährterminals am südlichen Ende von Manhattan bis zum Grand Central Terminal laufen.
Wer einmal in New York gewesen ist, weiß, was das für eine Strecke ist. Selbstredend musste natürlich auch das Gepäck selber befördert werden, genauso wie alles andere. Meine Faszination für die Menschen, die diese Strapazen auf sich genommen haben, ohne zu wissen, dass es sich am Ende für sie lohnen würde, steigt noch einmal an.

Über eine Treppe betrete ich schließlich den nachgebauten Grand Central Terminal. Ich habe ihn erst im März in realiter besucht und alles hier, auch wenn es nicht echt ist, entfacht das Fernweh abrubt. Ich setze mich auf eine der Bänke (die gibt es nicht in echt, ich habe sie jedenfalls schmerzlich vermisst) und warte darauf, dass ich die zweite Hälfte meines Boarding Passes entdecken kann. Denn auch wenn das Schicksal meiner Auswandererfamilie hier endet, geht es für mich noch weiter, allerdings mit einem Perspektivwechsel. Von nun an begleite ich nämlich eine Einwanderin, die im 20. Jahrhundert eine ähnlich beschwerliche Reise hinter sich hatte, wie meine Auswanderer.

Vom Auswanderer zum Einwanderer

Vom New Yorker Grand Central Terminal geht es deshalb über einen Kiosk in die 70er Jahre. Liebevoll nachgebaut befinden sich in diesem Abschnitt des Auswandererhauses Bremerhaven ein Antiquariat, ein Friseursalon und viele weitere Räume. In allen lässt sich, ähnlich wie in der Galerie der 7 Millionen, etwas über meine Einwanderin, ihre Motive, ihr Leben und ihren Werdegang entdecken. Der Friseursalon hat genau so, wie er im Museum aufgebaut ist, sogar noch bis vor wenigen Jahren in einer Stadt in Deutschland existiert.
Und war der Bereich des Auswanderns noch zeitlich zu weit von meiner eigenen Realität entfernt, entdecke ich in diesem Abschnitt des Museums einige Dinge, die ich noch von meinen Großeltern kenne. Alles fühlt sich auf eine seltsame Weise vertraut an und fast so als wären all diese Dinge ein Teil meiner Vergangenheit.
Mit einem letzten Blick auf die coolen Lampen in der Ausstellung verlasse ich das Auswandererhaus Bremerhaven und verspreche mir eins: Ich werde wiederkommen und noch viele weitere Aus- und Einwanderer auf ihren Wegen und mit ihrer Geschichte begleiten.

[Anzeige] Herzlichen Dank an das Auswandererhaus Bremerhaven und die Erlebnis Bremerhaven GmbH für die Einladung. Trotz der erfolgten Übernahme der Reisekosten und der Verköstigung spiegelt dieser Text allein meine persönliche Meinung wider. Die Bilder sind ebenfalls von mir.

  1. Hallo Anna,
    richtig schöner Artikel! Da fühle ich mich gleich selbst wieder ins Auswandererhaus versetzt. Richtig witzig finde ich übrigens, dass anscheinend nicht nur ich mich dort an die Titanic erinnert gefühlt habe…
    Liebe Grüße
    Thomas

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